Kinder mit Fluchterfahrung in die Kita aufzunehmen, das ist eine besondere Herausforderung.  Die Bildungsverwaltung hat die Erfahrungen von acht Modellkitas in einem äußerst lehrreichen Heft zusammengefasst. Von den sehr offen erzählten Berichten können auch Eltern viel lernen. Dazu gibt es zusätzliches Wissen (nicht nur) für Fachkräfte.

Die Kita Wirbelwind ist eine der Einrichtungen, die über ihre Erfahrungen berichtet: von ihrem Umfeld, in dem bis 2015 so gut wie keine Menschen mit Migrationshintergrund gelebt haben. Bis die Flüchtlinge kamen. Gegen die Aufnahme der Kinder gab es Vorbehalte seitens der Eltern und der Erzieherinnen. Ein Dolmetscher musste her, manche Kinder waren aggressiv, eine Eingewöhnung scheiterte. Die Kinder waren merkwürdig: Sie steckten sich Essen und Spielsachen in die Taschen, spielten Schießen oder waren seltsam überangepasst.

Auf der anderen Seite: die deutschen Eltern. Es gab Vorurteile und offenbar auch fremdenfeindliche Äußerungen. Im Bericht der Kita Wirbelwind heißt es dazu: „Im späteren Verlauf fragte die Leitung, worum es im Kern ginge und ob die Eltern sich konstruktiv austauschen wollten, oder ob sie sich mit der Broschüre des Trägers zum „Umgang mit rechtsorientierten Eltern in der Kita“ auseinandersetzen wollten. Das war den Eltern sichtlich unangenehm. Es entstand ein Gespräch, in welchem die Kita-Leitung deutlich machte, dass auch sie vorurteilsbelastete Gedanken habe, wenn sie Eltern in der Kita sehe, die sie vom äußeren Erscheinungsbild als nationalistisch und rechtsgerichtet einstufen würde. Durch diese direkte und gleichzeitig wertschätzende Unterhaltung konnte die Kita-Leitung beiden Elternteilen vermitteln, dass die Kita Wirbelwind ein Ort ist, an dem wir Kindern und deren Eltern offen und gleichzeitig vorurteilsbewusst begegnen.“

Die Kita Wirbelwind gibt einen Einblick in ihre Strukturen: wie sie Überforderung von Mitarbeitern begegnet, die Zusammenarbeit organisiert und wie das Fortbildungskonzept aussieht.

Die Kita ist eine gemeinsam gestaltete Lebenswelt

Sabine Jung beschreibt in einem weiteren Kapitel über gelingende Elternarbeit: „Am Anfang steht eine Vision: Die Kita ist eine von Kindern und Fachkräften gemeinsam gestaltete Lebenswelt, die auch für Eltern zum „Heimspiel“ mit familiärer Atmosphäre wird. Sie bilden – mit arrangierender Unterstützung – ein selbstorganisiertes Netzwerk, pflegen Austausch und gegenseitige Hilfe, von denen alle, nicht nur die Familien mit Fluchtgeschichte profitieren.“

Die Kita Matt Lamb berichtet über einen kleinen Film, den sie für Eltern gemacht haben. Die Bilder erzählen vom Alltag in der Einrichtung. „Wir beobachten, dass Eltern, die zunächst vielleicht skeptisch oder verunsichert wirken, mithilfe der Filmsequenzen zunehmend Zugang zu dem täglichen Geschehen in der Kita erhalten und ihre Bedenken vor dem Unbekannten abbauen“.

Die evangelische Kita St. Johannis beschreibt ihre Kinder so: „Sie vertreten verschiedenste Kulturen und Sprachen (u.a. Deutsch, Türkisch, Arabisch, Farsi, Polnisch, Griechisch, Englisch, Kurdisch, Ukrainisch, Russisch, Chinesisch, Japanisch u.v.m.). Zudem haben wir 2015 vermehrt Kinder aus Familien mit Fluchterfahrung aufgenommen. Es weisen also weit mehr als 60% unserer Kinder einen Migrationshintergrund auf mit Deutsch als Zweit- oder Drittsprache oder in Form von primärer Zweisprachigkeit. Die Hälfte der Kinder spricht zu Hause ausschließlich die Muttersprache.“ Die Einrichtung hat sich Sprachförderung auf die Fahnen geschrieben und berichtet von ihrer Methode der interaktiven Buchbetrachtung.

Die Geschichte hinter dem Verhalten des Kindes

Die Kita im tam in Kreuzberg erzählt von Missverständnissen und Stolperfallen, und wie die unterschiedlichen Situationen gelöst wurden. Zum Beispiel: die Eingewöhnung eines fünfjährigen Jungen aus Syrien: „. Die Eingewöhnung verlief zunächst nach Plan, Kind und Mutter kamen gut mit der Situation zurecht. Dann kam es zur ersten Trennung. Und auch hier gab es noch keine Zwischenfälle. Doch als die Gruppenbetreuenden die Tür schließen wollten, verlor das Kind plötzlich seine Sicherheit, weinte und tobte und wollte sofort zu seiner Mutter. Was war uns im Erstgespräch entgangen? Wir suchten das Gespräch und die Mutter berichtete: Das Kind war mit seiner Mutter einige Tage auf der Flucht inhaftiert. Geschlossene Türen, eingesperrt sein, bereiteten Angst und lösten ein panisches Verhalten beim Kind aus.“

Die Broschüre mit dem  sperrigen Titel „Kultursensible Kita-Pädagogik. Praxiseinblicke sowie entwicklungspsychologische, sprachwissenschaftliche und rechtliche Aspekte“ bietet Einblicke in die Arbeit von Kita-Teams. Die verschiedenen Blickwinkel machen die Handreichung auch zu einer wertvollen Lektüre für Eltern und Ehrenamtliche, weil sie durch Offenheit zum Verständnis für die Herausforderungen beiträgt.

Das Projekt, das seit Herbst 2016 durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie finanziert wird, bündelt und reflektiert die Erfahrungen der acht Modelleinrichtungen unterschiedlicher Trägerschaft, um diese an die Mitarbeiter vor Ort weiterzugeben. Die entstandene Handreichung der Diakonie ist ein Meilenstein im Projekt. Die Evangelische Hochschule Berlin (EHB) begleitete das Projekt fachlich und ist Mitherausgeberin.

Um die Situation von Kindern und Familien mit Fluchterfahrung noch deutlicher zu machen, werden auch die Abläufe im Asylverfahren, Aufenthaltsrechte nach Abschluss des Verfahrens und Sozialleistungen für geflüchtete Familien erklärt.

Die Handreichung als PDF und weitere Informationen zum Projekt unter www.integration-kitas.de

Direktlink zur Broschüre www.integration-kitas.de/modellkitas-handreichung.pdf


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