Es sieht so harmlos aus. Ist es aber nicht. "Wegweiser für Eltern zum Gemeinsamen Unterricht" heißt die neue Publikation des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Was so nichtssagend klingt, ist in Wahrheit eine Anleitung zur Aufsässigkeit. Pflichtlektüre! Auch für Eltern ohne behinderte Kinder.

Wegweiser für Eltern zum Gemeinsamen UnterrichtSchwarzrotgold, der Bundesadler, eine Kreidetafel, darauf in Schreibschrift der Titel der neuen Broschüre des Behindertenbeauftragten. "Allgemeine Informationen" erwarten den interessierten Betrachter der weiß-schlicht-nüchtern gehaltenen Broschüre. Der Wegweiser ist in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - gemeinsam lernen entstanden.

„Ich möchte einfach zur nächstgelegenen Schule gehen und meine Tochter anmelden können – wie alle anderen auch – und wissen, dass dafür gesorgt wird, dass sie die Unterstützung erhält, die sie braucht…“

"Dieser selbstverständliche Wunsch eines Vaters scheint in weiten Teilen Deutschlands immer noch ein Wunschtraum." stellt Hubert Hüppe in seinem Vorwort fest. "Statt ihren Rechtsanspruch anzuerkennen, müssen Eltern sich immer noch rechtfertigen, wenn sie Teilhabe und Förderung für ihr Kind beanspruchen." Und er fordert auf: "Verlangen Sie Ihr Recht."

Camilla Dawletschin-Linder, Vorsitzende von "Gemeinsam leben - gemeinsam lernen", wird noch deutlicher. Es gebe zwar seit 2009 die UN UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung, die auch von Deutschland unterzeichnet wurde. Aber nicht in allen Bundesländern wurden die Schulgesetze so geändert, dass jedem Kind ein Platz in einer allgemeinen Schule zustünde. "Noch immer entscheiden Behörden oder die angespannte Haushaltslage oder das Fehlen von qualifiziertem Personal darüber, wo ein Kind mit Behinderung zur Schule gehen darf."

Auch sie setzt auf den Kampf der Mütter und Väter: "Es gilt auch weiterhin, dass ohne den heilsamen Druck von Eltern, die ihre Ansprüche in Vertretung ihrer Kinder klar formulieren, die inklusive Schule nicht realisiert werden wird. Vielmehr noch – Eltern müssen sehr kritisch beobachten, was nun ihrem Kind mit Behinderung angeboten wird – einiges wird als Inklusion verpackt, ist in Wirklichkeit aber entweder eine Sparpackung, die dem Kind nicht genügend Ressourcen zugesteht oder eine verkappte Sondereinrichtung unter anderem Namen."

Inklusion geht alle an

"Gemeinsamer Unterricht führt zu besserer Schulleistung und erhöht die Bildungsqualität. Das Gleiche gilt für die Kinder ohne besonderen Unterstützungsbedarf. Sie erleben, wie Kinder und Lehrerinnen und Lehrer mit Schwierigkeiten umgehen und zu Lernerfolgen kommen. Sie erfahren von Anfang an, dass Verschiedenheit normal ist. Also profitieren alle Schülerinnen und Schüler vom Gemeinsamen Unterricht." Das Prinzip der Inklusion müssen alle verstanden haben, damit es sich überhaupt durchsetzen kann. Insofern ist es für alle Eltern und Lehrer wichtig zu wissen, welche Möglichkeiten des Gemeinsamen Unterrichts es gibt, um für die eigene Schule passende Wege zu finden. Dass es unterschiedliche Förderbedarfe gibt, verschiedene Ämter-Zuständigkeiten, diverse Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten, hilft auch dem Laien (Eltern und Lehrer ohne Erfahrung im Umgang mit behinderten Kindern), bestimmte Maßnahmen zu akzeptieren oder auch zu unterstützen.

Das ist gleichzeitig eine Schwäche der Publikation. Sie wendet sich an Eltern mit behinderten Kinder als "Betroffene". Die wiederum sollen sich mit ihren Fragen an "ihre" Verbände wenden. Es geht vorrangig darum, Eltern fit zu machen für ihren Kampf gegen Bürokraten-Windmühlen und sie zu stärken in ihrem Dasein als Einzelkämpfer. Auch dieses Heft suggeriert, hier würden Partikularinteressen vertreten. Aber Inklusion geht alle an - und dann muss man auch alle ansprechen.

Der Inhalt:

  • Gemeinsamer Unterricht – Kinder mit und ohne besonderen Unterstützungsbedarf lernen gemeinsam in der allgemeinen Schule
  • Besondere Hilfen für besondere Bedürfnisse – Der sogenannte Sonderpädagogische Förderbedarf
  • Der Weg zum Gemeinsamen Unterricht
  • Nachteilsausgleich im lernzielgleichen Gemeinsamen Unterricht
  • Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf
  • Wo finden Eltern Hilfe und Beratung?
  • Maßgebliche Regelungen und Urteile

Der Link:

www.behindertenbeauftragter.de/Schule/Gemeinsamerunterricht