Schulplatznot in Reinickendorf: Im Märkischen Viertel fehlen Plätze, in Heiligensee steht eine Schule leer. Einer von mehreren Lösungsvorschlägen ist: Die Märkische Grundschule zieht um an den 10 Kilometer entfernten Stadtrand. Die Schule wehrt sich, unter anderem mit einer Online-Petition. Auch die Arbeitsgemeinschaft der Staatlichen Europa-Schule (AG SESB) äußert sich kritisch. Wir veröffentlichen eine Erklärung ihres Vertreters Constantin Saß:

"Die "Arbeitsgemeinschaft Staatliche Europa-Schule Berlin" (AG-SESB) lehnt eine Verlegung des Standortes der Märkischen Grundschule nach Heiligensee, an den Rand des Bezirkes Reinickendorf, ab. Ganz allgemein betrachtet ist bereits die Verlegung eines Grundschulstandortes um ca. 10 km von einem in den anderen Ortsteil nicht nur für Schülerinnen und Schüler dieses Alters, sondern auch für deren Eltern (u.a. unter dem Aspekt des Fahr- oder Begleitdienstes) äußerst problematisch.

Im Grundschulbereich sind die Berliner Bezirke nach dem Berliner Schulgesetz verpflichtet, allen in ihrem Zuständigkeitsbereich gelegenen Wohnanschriften eine nahe gelegene Grundschule als zuständige Grundschule zuzuordnen (vgl. § 55a SchulG).
Die Märkische Grundschule ist aber ein Standort der "Staatlichen Europa-Schule Berlin [SESB]". Die SESB ist eine Schulform besonderer pädagogischer Prägung und hat besondere Zugangsregelungen (vgl. § 1 AufnahmeVO-SbP). Für die SESB sind die Einzugsbereiche für Grundschüler aufgehoben (vgl. § 3 AufnahmeVO-SbP); grundsätzlich können Schüler und Schülerinnen aus ganz Berlin an SESB-Standorten aufgenommen werden. Die Märkische Grundschule besuchen auch zahlreiche SchülerInnen aus Bezirken im Osten und Süden Berlins. Die Schüler dieser Grundschule sind auf genau diese Schule angewiesen, da nur diese im Bezirk dieses sprachliche Profil anbietet. Es gibt daher für viele keine Alternative, wenn sie den Bildungsgang der SESB nicht verlassen wollen.

Da es offenbar rund um das Märkische Viertel "unvorhersehbar und kurzfristig [...]" einen massiven Bedarf an weiteren Grundschulplätzen gibt, sucht der Bezirk Reinickendorf nun nach Lösungen, um diesem Bedarf gerecht zu werden. In Heiligensee (am Westende des Bezirks) existiert ein ungenutzter Schulstandort, dort gibt es aber nicht die entsprechende Zahl von Schülern. Im Märkischen Viertel 10 km weiter östlich gibt es hingegen die Schüler, aber nicht ausreichend Schulstandorte.

Dass  in der Not über die Verlegung eines Standortes der Staatlichen Europa-Schule Berlin in Erwägung gezogen wird, zeigt einmal mehr, wie wenig Kenntnis manche Akteure in den Bezirksämtern vom besonderen Wert und der Wirkung ihrer einzelnen Schulstandorte für den Bezirk (und über den Bezirk hinaus) haben:
Die Märkische Grundschule in Reinickendorf hat wie alle anderen 30 SESB-Standorte als sprachintensive und interkulturelle Schulform (mit paritätischem bilingualen Spracherwerb in deutsch und französisch) ein berlinweites Einzugsgebiet -  von Pankow bis Köpenick und Zehlendorf. Eine Verlegung der Schule an den westlichen Stadtrand macht diese für viele quasi unerreichbar. Zahlreiche Familien haben zudem ihren Wohnort entsprechend der Schule gewählt, ggf. auch in Hinblick auf die Lage der entsprechenden weiterführenden deutsch-französischen SESB-Standorte in Schöneberg-Tempelhof. Die SESB-Standorte haben sich zudem in ihren Quartieren in den letzten Jahren und Jahrzehnten fest etabliert; sie sind in Teilen sogar kiezprägend geworden und haben ganz erhebliche integrative Wirkung auf ihre Umgebung und das Milieu, mehr als 25 Nationalitäten treffen sich in der Märkischen Grundschule.

Unabhängig von  konkreten Pendler- oder Schülerzahlen für die Märkische Grundschule, die uns im Moment nicht vorliegen: Es geht vor allem um die langfristige Wirkung der Verlegung, weniger um eine Momentaufnahme, sowie um den Fortbestand der Vernetzung der Schule mit dem Kiez, die Erreichbarkeit der Kooperationspartner und der korrespondierenden SESB-Oberschulstandorte.

Wie sagte kürzlich ein bildungspolitischer Sprecher so schön bei der Podiumsdiskussion der AG-SESB der Europa-Union Berlin: „Die Staatliche Europa-Schule ist ein Programm gegen Rechtsextremismus!“ Die Verlegung dieses SESB-Standortes würde die Schule entwurzeln und Jahrzehnte alte Kooperationen und Verbindungen im Kiez kappen und einen großen Verlust für das Märkische Viertel darstellen.

Es ist absolut zu begrüßen, dass die Verantwortlichen der Senatsverwaltung die Märkische Grundschule in ihrem Anliegen unterstützen, an ihrem bisherigen Standort zu verbleiben.
Die Zuständigkeit des Bezirks bzw. des Schulträgers für die äußeren Schulangelegenheiten darf nicht dazu führen, dass unbedachte Entscheidungen getroffen werden, die nachhaltig negative Folgen für das einmalige Modell der Staatlichen Europa-Schule und für die Berliner Schullandschaft haben.

Den Verantwortlichen in den Bezirksämtern muss immer wieder deutlich gemacht werden, dass die SESB als eine staatliche Schulform für JEDES Berliner Kind zugänglich ist - völlig unabhängig von Herkunft und Geldbeutel. Als bilinguale Begegnungsschule ist die SESB ein großer Gewinn für jeden Bezirk und für das Land Berlin. Diese Aufklärungsarbeit ist in vielen Bezirken nach wie vor bitter nötig!“

Mehr Informationen über das Modell der Staatlichen Europa-Schule Berlin:
www.berlin.de
berlin.europa-union.de/europa-schule
und auf twitter unter https://twitter.com/sesbinfo

Die Petition zur drohenden Standortverlegung der Märkischen Grundschule: www.avaaz.org