Personalkostenbudgetierung. Vertretungsmittel. Kann hinter diesen gänzlich unerotischen Begrifflichkeiten etwas stecken, das Schulleiter anmacht? Es kann. Zumindest was die eine Hälfte angeht, die Honorarmittel. Damit lassen sich Personal für Arbeitsgemeinschaften und Projekte bezahlen.

Da haben Schulen Geld für die Zusammenarbeit mit Musikern, Theatern, bildenden Künstlern. Der Rest ist, salopp gesagt, für die Tonne. Sagten zumindest die teilnehmenden Lehrer und Schulleiter, die auf Einladung des Landeselternausschusses am 29. September im Roten Rathaus über das „vergiftete Bonbon“ PKB diskutierten.

Hintergrund: Seit einigen Jahren  erhalten die Schulen ein eigenes Budget von 3 Prozent der Personalkosten ihrer Schule in Barmitteln zur Einstellung von kurzfristiger Unterrichtsvertretung.. Die Schulen erhielten zunächst die Möglichkeit, 30 Prozent der Gesamtsumme für Honorarmittel auszugeben, mussten sich aber verpflichten, ihren Unterrichtsausfall zu senken. Das wurde 2008 geschmeidiger: es gab 50 Prozent Honorarmittel, und die Verpflichtung zur Senkung der Ausfallquote fiel weg. Seither boomt das Modell: Im Schuljahr 2009/2010 nahmen nahezu alle Schulen teil.

35 Millionen Euro weist der Landeshaushalt für die Personalkostenbudgetierung in diesem Jahr aus. „Im April haben unsere Statistiker bereits gewarnt, dass der Haushaltsansatz deutlich überschritten werden wird“, erklärte Erhard Laube, zuständiger Abteilungsleiter der Bildungsverwaltung. Im Juni entschloss sich die Verwaltung dann, die Notbremse zu ziehen, die noch vorhandenen Mittel wurden zurückgerufen. Zu deutsch: die Schulen mussten ihr gesamtes Geld, auch die teilweise schon eingeplanten Honorarmittel, wieder zurückgeben. Die Schulleiter tobten, von Vertrauensbruch, Wortbruch und Gesetzesverstoß war die Rede. Man habe keinen Handlungsspielraum gesehen, verteidigt sich Laube. „“Ihre Planung ist zerstört worden, dafür möchte ich mich entschuldigen.“

Für 2011 sollen die Gelder wieder zur Verfügung stehen, verspricht der Abteilungsleiter. Bis dahin wird das Geld zentral von den Schulaufsichten der jeweiligen Bezirke gesteuert. Neu ist auch eine PKB-„Servicekraft“ pro Bezirk, die die Auszahlung beschleunigen soll. Hauptaufgabe ist ein Controlling, das die korrekte Verwendung der Mittel gewährleisten soll. Es habe eine Differenz zwischen dem Budget einzelner Schulen und den Ausgaben gegeben, sagt Erhard Laube, ohne jedoch Einzelheiten über das Ausmaß zu nennen.

Chance für einen Neuanfang? Die Unzufriedenheit mit dem bisherigen Verfahren ist groß. „Das System ist nahezu unbrauchbar“, sagte Harald Kuhn, Vorsitzender des Interessenverbandes Berliner Schulleiter. Die Bewerberliste sei schlecht gepflegt, reichlich Zeit vergehe mit dem Abtelefonieren der möglichen Bewerber, von denen der überwiegende Teil aber gar nicht zur Verfügung stehe.

Doreen Siebernik, Frauenvertreterin in der Senatsverwaltung, präsentierte Zahlen. In sieben Regionen seien im vergangenen Schuljahr insgesamt über 2000 PKB- bzw. befristete Verträge abgeschlossen worden, die Hälfte davon „wurde mit Personen abgeschlossen, die eine unvollständige oder gar keine pädagogische Ausbildung im Sinne des Lehrerbildungsgesetzes hatten“. Zu Beginn des Schuljahres seien von 107 Vertretungslehrern 49 (noch) nicht ausgebildet, in Friedrichshain Kreuzberg 20 von 37.  Personalrätin Anne Völske ergänzte Zahlen aus Reinickendorf: Bis zum 20. September, vier Wochen nach Schulbeginn, waren bereits 43 neue PKB-Verträge abgeschlossen, 66 Prozent der Vertretungslehrer haben keine volle Lehrbefähigung.

Naturgemäß betonen die Personalvertreterinnen die Notwendigkeit der Beteiligungsrechte, die von vielen Schulleitern wegen der Langwierigkeit der Einstellungsverfahren im Verhältnis zur Dauer der Beschäftigung als zu lang angesehen werden – „damit die Schulleiter in ihrer Not nicht jeden einstellen“, so Doreen Siebernik. Dass dennoch fragwürdige Gestalten mitunter den Weg in Berliner Klassenzimmer gefunden haben, konnte damit nicht verhindert werden. Als Konsequenz daraus fordert die Senatsverwaltung seit kurzem ein polizeiliches Führungszeugnis von den Bewerbern.

Zweites Argument der Gewerkschafterinnen: die Qualität bleibt auf der Strecke. Ein lebendes Beispiel dafür, dass das nicht unbedingt sein muss, ist der Diplombiologe Markus Reisch. Seit zwei Jahren arbeitet er an einer Mariendorfer Grundschule, vorher war er drei Jahre an einer anderen Schule eingesetzt. Immer als Vertretungskraft mit befristetem Vertrag, der teilweise wochenweise verlängert wurde. Er werde gebraucht und geschätzt, sagt Reisch, auch als Klassenlehrer sei er schon eingesetzt worden. Ohne Coaching und Anleitung sei es aber ein hartes Brot.

Berufsbegleitende Referendariate wünscht sich auch eine promovierte Chemikerin, die seit zwei Jahren an einer Schule in Steglitz-Zehlendorf eingesetzt wird. Auch sie werde von Kollegen und Schülern angenommen  und würde gerne weiter als Lehrerin arbeiten. Wegen eines fehlenden Konzeptes für die berufsbegleitende Fortbildung von Quereinsteigern sei das aber nicht möglich. Auch LEA-Vorsitzender Günter Peiritsch kritisiert die „befremdliche Entwicklung vom verbeamteten zum angestellten zum freiberuflichen Lehrer“.

Allein Uta Schröder, Vorsitzende der Schulleitervereinigung in der GEW, konnte der jetzigen Praxis überwiegend Gutes abgewinnen. Der kurzfristige Unterrichtsausfall sei „relativ schnell behebbar“, wenn auch oftmals „Glückssache“. Die Mehrarbeit sei gesunken. Zur Verbesserung wünscht sie sich „Unterstützung an der Schule“, die „hilft und nicht kontrolliert“.  Anne Völske möchte die 3 Prozent Reserve der Standardausstattung der Schule zuschlagen, Harald Kuhn verlangt 105 Prozent. Trotz aller Ärgernisse wollte jedoch kein anwesender Schulleiter auf die gewonnenen Freiheiten verzichten.

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