Der Auftrag war simpel, die Aufgabe schien nicht unlösbar. Die Botschaft, die unter die Leute gebracht werden sollte, lautete kurz und schlicht: „Bitte nicht füttern“. Die Geschichte eines grandiosen Scheiterns.

Das Ende, das Eingeständnis vollkommenen Versagens, kam mit dem kurzen Besuch des freundlichen Reporters von der BZ. Der Kater vom Klinikum Steglitz, das sei doch eine nette Geschichte. Ob man demnächst mal telefonieren dürfe. Unsere Katze war endgültig zur öffentlichen Person geworden. Von Anbeginn gab es den Versuch, diesen – nun ja: Zustand – kommunikativ zu begleiten.

Lucky zu Hause / Foto: D.v. TreuenfelsVor etwa einem dreiviertel Jahr begann Lucky, der rotgetigerte Kater, sein neues Dasein als Abenteurer. Er war ein oder zwei Tage nicht zu sehen. Manchmal blieb er eine Woche lang ganz weg. Erste Umfragen ergaben: „Jo, kenn ick“, „der läuft hier rum“ oder auch „der schläft manchmal hier“. Die Apothekerin wollte ihn schon adoptieren, der Hausarzt im Haus gegenüber freute sich über den häufigen Gast. Alle mochten das zutrauliche und überaus freundliche Tier.

Phase eins der brillanten Kommunikationsstrategie der Pressesprecherin – einfach mal mit den Leuten reden – ging auf. „Bitte nicht füttern“ ist ein Satz, der von Angesicht zu Angesicht offenbar funktioniert. Ergebnis: Kein Futter, kein Kater. Besuche bei Apothekerin oder Hausarzt beginnen heute mit der Frage, wie es Lucky geht, schade, dass er nicht mehr kommt –  schöne Grüße!

Lucky mit Adoptivschwester Kaki / Foto: D.v. TreuenfelsDennoch: der Kater blieb verschwunden. Zeit, die nächste Stufe der herausragenden PR-Strategie zu zünden: Zettel in die Briefkästen: „Dieser Kater hat ein Zuhause. Bitte nicht füttern. Telefonnummer“. Schon nach wenigen Stunden gab es den ersten Hinweis. Luckys Revier war ganz eindeutig das Gelände des Klinikums Benjamin Franklin. Sehr häufig sei er dort, eigentlich jeden Tag.

Lucky auf dem Gelände des Klinikums Steglitz / Foto: Anna SchmidtDer Kater ist dort bekannt wie ein bunter Hund. Im Blumenladen und im Café wussten die Leute gleich Bescheid. Ja, der sei oft hier. Wird gefüttert und gestreichelt, schläft auf den Sitzen. Ach so? Der wohnt hier in der Nähe? Der ist ja so dünn, kriegt der nix zu fressen? Nun, wir brachten also unseren Zettel im Eingangsbereich des Krankenhauses an. Was soll man sagen... in so einem großen Krankenhaus ist ganz schön was los. Es kamen freundliche Anrufe, niedliche Fotos, nette Textnachrichten. Manchmal haben wir den Katzenkorb geschnappt um das Tier nach Hause zu bugsieren, er war ja nur einen Katzensprung entfernt. Lucky freute es, doch nach einem ausgiebigen Schläfchen verschwand der Kater wieder.

Der Kater auf Trebe. „Streuner“ werden diese männlichen Katzen genannt, die sich mal hier und mal dort niederlassen, dort wo es ihnen gefällt und wo man sie vor allem lässt. Von Wildkatzen sind sie dadurch zu unterscheiden, dass sie zutraulich und freundlich sind und weder einen verhungerten noch einen verwahrlosten Eindruck machen. Verletzt war Lucky in den vergangenen Monaten auch nicht. Dennoch gehörten Besuche beim Tierarzt zur Routine. Wie viele andere Tiere auch trägt der Kater einen Chip unter der Haut. Der Tierarzt kann die Daten auslesen und feststellen, bei welcher Tierschutzorganisation es registriert ist. In Luckys Fall ist das Tasso e.V. Der Arzt ruft dort im Bedarfsfall an, Tasso nimmt Kontakt mit den Besitzern auf.

Das ist Fluch und Segen zugleich. Du bekommst deinen Kater wieder, der sonst wahrscheinlich schon längst ein anderes Zuhause hätte. Fahrten zu diversen Tierärzten oder Tierfreunden gehören aber auch dazu. Es gibt Menschen, denen Katzen „zulaufen“. Manche packen Katzen ins Auto, weil sie „so einen verlorenen Eindruck machen“.  Weiter als bis Reinickendorf mussten wir noch nicht fahren, um Lucky wiederzubekommen, man muss das positiv sehen.

Hat unser Kater uns nicht lieb? Waren wir böse zu ihm? Geben wir ihm nicht was wir brauchen? Wer im Netz nach Rat und Information sucht, stößt schnell auf Menschen, die Ähnliches erleben. In diversen Foren tauschen sich ratlose Halter über ihre Streuner aus: tagelange Spaziergänge, sorgenvolle Stunden, Ratlosigkeit. Über eines sind alle sich einig: Kannste nix machen. Freigängerkatzen einzusperren, wäre eine Qual für alle Beteiligten. Ist halt so, auch bei kastrierten Katern.

Lustige Geschichten gibt es auch: Im bayerischen Waldkraiburg beispielsweise wohnt „Elvis, der Kinokater“. Das Tier mag offenbar die Atmosphäre dort, ab und zu schaut er auch mal einen Film an. In Rangsdorf lässt es sich Kater Fussel im Warteraum des Einwohnermeldeamts gutgehen.

BZ vom 29.11.2017Auch Lucky mag den großen Auftritt, die Aufmerksamkeit, viele Menschen. Seine Geschichte hat die BZ aufgeschrieben. „Dr. med Miau, der Facharzt für Kuschelmedizin“ – eine Story über den flauschigen Doktor, der in der Wartehalle des Klinikums Steglitz im Eingang West „praktiziert“: >>„Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich ihn sehe“, sagt Uwe K. (60), der wegen Depressionen in Behandlung ist. „Ich streichle ihn mehrmals am Tag, stelle ihm Futter hin.“ Ein Lächeln huscht über Uwes Gesicht. „Ich habe sonst niemand anderen außer ihm.“<<

Ein bisschen stolz sind wir schon, dass unser Kater Menschen glücklich macht. Noch schöner ist es aber, ihn wieder bei uns zu haben. Er kommt zum Fressen, schläft ausgiebig und geht dann wieder. Die Botschaft, dass dieser Kater ein Zuhause hat, ist offenbar angekommen. Eine Garantie, dass das so bleibt, gibt es nicht. Der nächste Sommer kommt bestimmt. Die Saison der offenen Türen wird sicher wieder eine kommunikative Herausforderung.