Unser Dezember-Newsletter: voll der Freude über den Digitalpakt, die Berliner Schulbau-Bemühungen, über Gesichtskontrolle in Kitas und Schulen und das Fest der Feste.

Halleluja!

Es ist die Zeit der großen Gesten und der großen Worte. Zeit, ein paar davon mal auf Normalmaß zu dampfen.

"Digitalpakt"

moderne Schule SchlerprojektFoto: Daniela von Treuenfels | Gesehen an einem Projekttag in einem Neuköllner Gymnasiumnennt sich das vorerst gescheiterte Vorhaben, ein paar lumpige Milliarden Euro verteilt über fünf Jahre über der deutschen Schullandschaft abzuwerfen. Von "Pakt" kann keine Rede sein, denn Bund und Länder haben sich verkracht was das Prozedere angeht. (Wie und warum habe ich hier aufgeschrieben). "Digital" ist das bestenfalls nur ein bisschen, weil schon jetzt absehbar ist, dass die Mittel viel zu gering sind, als dass sie die notwendige digtale Revolution im Klassenzimmer tatsächlich voranbringen könnten.
Der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat tagt nun am 30. Januar, um sich zu einigen. Während die Politik angesichts der Blamage Kompromisswillen signalisiert und rasche Einigung verspricht, tun andere sich zusammen und dokumentieren ihren Unmut: Digitalpakt jetzt! ist der Titel einer Erklärung von Verbänden und zivilgesellschaftlichen Akteuren, die sich hier findet: berlin-familie.de/digitalpakt-jetzt.

"Schulbauoffensive"

klingt monströs, oder? Ist es auch. Aber was sich anhört wie ein proaktives "Hey, wir hatten da mal eine geile Idee" ist in Wahrheit auf enormen Druck der Öffentlichkeit, vor allem der Berliner Eltern, zustande gekommen und ist auch sonst eher eine "Schulbaudefensive". Zu lange wurde der Sanierungsstau kleingeredet und der Neubaubedarf kolossal unterschätzt. Planlos in Berlin könnte der Krimi heißen, der seit einiger Zeit in den Berliner Kopfkinos läuft. Werden Bürgermeister Müller und seine Assistenten es schaffen, die enorme Herausforderung zu bewältigen? Wird jedes Berliner Kind einen Schulplatz bekommen? Den Zwischenstand habe ich hier zusammengefasst: berlin-familie.de/schulbauoffensive
Einige Fragen zur Beteiligung der Howoge und den Kosten der Übertragung der Liegenschaften sind noch offen. Mittlerweile hat auch der Bezirk Reinickendorf Bedenken angemeldet und will den Rahmenvertrag mit der Wohnungsbaugesellschaft nicht unterzeichnen. Derweil schafft der Senat Fakten: Zwei Wettbewerbe für die neuen Schulen in modularer Bauweise wurden entschieden. Bis zu 22 drei- und vierzügige Grundschulen nach dem Compartmentmodell sollen über die Stadt verteilt gebaut werden.

Bildungsgerechtigkeit,

Demokratie, Grundgesetz. Das nächste Thema berührt die Grundsätze unseres Zusammenlebens. Niemand darf wegen seiner politischen Anschauungen benachteiligt werden, heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes. Trotzdem hat eine Berliner Waldorfschule kürzlich ein Kind abgewiesen, weil, so war es in den Zeitungen zu lesen, der Vater sich in der AfD engagiert.  Schlimm schlimm, fanden viele. Das Kind könne schließlich nichts für seine Eltern, von Sippenhaft war gar die Rede.
Die Aufrechten waren schon nicht mehr zählbar, da kam Alan Posener um die Ecke. Chillt mal eure Basis, textete er in der Welt, die Privatschulen hätten alles Recht, sich ihre Schüler auszusuchen, dafür seien sie ja schließlich gemacht. Es folgten einige Anekdoten aus dem persönlichen Leben mit diversen Beispielen von Zurückweisungen aus den Sphären der Schulen in freier Trägerschaft. Alles ganz normal, und vollkommen gerechtfertigt, findet Posener. Das, wofür die AfD stehe, "also Deutschtümelei, Elitenfeindschaft, Nationalismus, Europaskepsis und Globalisierungskritik, steht im Widerspruch zum Selbstbild der Waldorfschulen insgesamt".
Ich unterstelle, dass jede Berliner öffentliche Schule sich hinter dem versammeln kann, das Posener als "Selbstbild der Waldorfschulen" bezeichnet. Die Positionierung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal der Privatschulen. Genauso wie öffentliche erfüllen Schulen in freier Trägerschaft eine staatliche Aufgabe. Die Aufnahme in eine Schule, ob privat oder öffentlich, ist ein Verwaltungsakt. Hier gelten die Regeln des Rechtsstaates. Eine Zurückweisung eines Bewerbers aus politischen Gründen ist demnach verfassungswidrig. Das ist zumindest meine Einschätzung als juristischer Laie. Die Larifari-Haltung eines Alan Posener ärgert mich, weil sie das Grundgesetz mit Füßen tritt. Wer die Rechten ausgrenzen will (nur zu!), muss sich etwas anderes einfallen lassen - und nötigenfalls über seine wahren Gründe schweigen.

Das pädagogische Profil unterscheidet Private von den Angeboten staatlicher Schulen, und allein das ist ihre Existenzberechtigung. Wenn man sich anschaut, wie Eltern heutzutage die Schulen ihrer Kinder wählen, steht oft noch nicht einmal das pädagogische Konzept im Vordergrund, sondern der erste Grund für die Wahl einer freien Schule ist die (gefühlt) zweifelhafte Qualität des staatlichen Angebots. Manch einer ist plötzlich unendlich glücklich darüber, jedes Jahr auf's Neue vergessen zu haben, aus der Kirche auszutreten. Montessori, Waldorf, Freinet - da schafft man sich eben ein paar Vokabeln rauf, wenn es darum geht, das Kind vor der staatlichen Grundschule im Einzugsgebiet zu retten. Internationale Schulen mit Unterricht auf Englisch: in den wenigsten Fällen Schulen für hochmobile Familien, sondern eher ein Instrument der Elitenförderung.
Dazu passt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die in diesen Tagen veröffentlicht wurde. Jeder 10. Schüler besucht demnach in Deutschland eine Privatschule, vor allem in Ostdeutschland hängt der Besuch vom Einkommen der Eltern ab. "„Die soziale Segregation zwischen privaten und öffentlichen Schulen hat in den vergangenen 20 Jahren deutlich zugenommen“, stellt DIW-Forscherin Katharina Spieß fest. Wieder einmal mahnen Wissenschaftler die Einhaltung des Grundgesetzes an, nach der "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern" verboten ist (Art. 7 GG).

Es geht verlogen zu in der Privatschuldebatte. Sie wird nicht ehrlicher dadurch, dass wir uns vor die Kinder von Menschen werfen, die wir selbst vor die Tür setzen würden, wenn wir die Möglichkeit dazu hätten. Der zurückgewiesene Vater, der beteuert haben soll, sich nicht in der Elternvertretung der Waldorfschule engagieren zu wollen, wird jetzt an einer anderen Schule aufschlagen. Wir werden noch von ihm hören.

Die Würde des Kindes

ist antastbar. Das hat erst gerade eine Berliner Kita eindrucksvoll bewiesen. Ausgerechnet zur Adventszeit schrieb die Leitung der Kita Girasoles-Sonnenblume in Charlottenburg den Eltern einen unappetitlichen Brief, wie die Berliner Zeitung schrieb. Leider, hieß es darin, zahlten nicht alle ihren Beitrag an den Förderverein für Essen, Handtücher und Bettwäsche. Für die Kinder, deren Eltern nicht dem Förderverein beitreten, solle nun eine Sondergruppe im Sportraum eingerichtet werden, ohne die üblichen Vergünstigungen. „In dieser Gruppe werden alle durch den Förderbeitrag finanzierten Zusatzleistungen entfallen“, zitiert die Zeitung aus dem Brief. Weder Frühstück noch Nachtisch, Vesper oder Nachmittagssnack solle es mehr geben.
Hintergrund der pädagogischen Fehlleistung ist die Begrenzung der Zusatzzahlungen, die im Herbst in Berlin eingeführt wurde. (Mehr dazu in einer Stellungnahme des Verbandes der Kleinen und Mittelgroßen Kitaträger) Für Kitas wie die Sonnenblume ein Desaster, weil das bilinguale Profil der Einrichtung gefährdet ist. Native Speaker kosten als zusätzliches Personal Geld, das früher unbegrenzt von den Eltern eingefordert werden durfte. Der Streit darüber dürfte demnächst vor dem Berliner Verfassungsgericht landen.
Derweil müssen sich die Eltern, die sich beschwert haben, auf Ungemach einstellen. Die Kitaleitung hat einem Bericht der BZ zufolge ein weiteres Schreiben an die Eltern verfasst, in dem es heißen soll: "„Sich an die Presse zu wenden, um unsere Einrichtung, das Team und die Leitung, mit diesen lächerlichen Argumenten an den Pranger zu stellen ist einfach nur erbärmlich und geht über das Ziel hinaus. Wir können und werden dies nicht akzeptieren.“
Spätestens hier ist es wohl Zeit, dem verdammten Scheißladen den Rücken zu kehren. Die offensichtlich sozial inkompetente Kitaleitung wird nichts unternehmen, wenn das ihr unterstellte Personal seinen Unmut am Kind der vermeintlichen Quertreiber-Eltern auslässt.

Frohes Fest

In diesem Sinne wünsche ich viel Kraft und Energie für das Kommende. Frohe Restweihnachten und einen Jahreswechsel möglichst ohne Böllerei.

Daniela

 

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