Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) ist über die anhaltende Armut bei Kindern und Jugendlichen und ihren Familien in Deutschland sehr besorgt. Armut und Krankheitshäufigkeit von Kindern und Jugendlichen sind eng miteinander verknüpft. Die KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts hat eindrucksvoll belegt, dass Kinder und Jugendliche aus schwächeren sozialen Gruppierungen in vielerlei Hinsicht benachteiligt sind und mit ganz erheblichen Belastungen ihren weiteren Lebensweg antreten.

Sie leiden überdurchschnittlich häufig unter den Folgen von Fehlernährung und Bewegungsmangel, sind negativen Einflüssen von Medien in großem Maße ausgesetzt, haben nur eingeschränkten Zugang zu früher musikalischer Erziehung und den Angeboten regionaler Vereine und neigen häufiger zu psychosomatischen und psychischen Erkrankungen sowie zu mangelndem Selbstwertgefühl. Dies äußert sich in Bauch- und Kopfschmerzen, Depressionen und sogar in Suizidgedanken. Kinder aus armen Familien weisen mehr frühkindliche Entwicklungsdefizite auf, brechen deshalb häufiger die Schule ab und haben eine schlechte Sozialprognose. Wir erleben das regelmäßig in unseren Praxen - eine Herausforderung, auf die unser Gesundheitswesen, aber auch unsere Gesellschaft bisher nicht ausreichend vorbereitet ist.

Auch Nikotin- und Alkoholmissbrauch ist in diesen Bevölkerungsgruppen wesentlich häufiger und wird ins Erwachsenenalter mitgeschleppt. Dies verschlechtert die Startchancen der Kinder in aller Regel und bestimmt den weiteren Lebensweg. Eine wirksame Bekämpfung der Armut von Familien muss nach unserer Auffassung in Deutschland höchste Priorität haben. Der 10-Punkte-Plan der SPD ist nach unserer Ansicht hier ein erster Schritt in die richtige Richtung, ebenso die Vorschläge des DGB.

Die Politik wird aufgefordert, in einem jährlichen Bericht darzulegen, was sie in den vergangenen 12 Monaten gegen diese Armut unternommen und welche Erfolge sie erzielt hat. Mit finanziellen Zuwendungen an die Eltern allein ist es dabei nicht getan. Die Familien müssen wirksam von Fachleuten begleitet und in ihrer Erziehungs- und Alltagskompetenz gestärkt werden. Dazu gehören neben aufsuchender Betreuung der Familien ebenso kostenlose Kindertageseinrichtungen, in denen neben der Erziehung und Bildung der Kinder auch den Familien Kompetenz und Stärke vermittelt wird. Wir fordern aber höchste Qualität bei diesen Angeboten.

Kinder aus Randgruppen sind unterversorgt

Aber auch die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen, da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können. Bereits jetzt ist in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung zu beobachten. Man kann hier von einer Unterversorgung sprechen.

Auch führt die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr unverändert zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diese Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung gerade bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen erheblich benachteiligt.

Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, haben gesetzlich krankenversicherte Kinder etwa im wichtigen 3. Lebensjahr und dann auch im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden und versicherte Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch erhalten auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden. Bisher lehnt die Bundesregierung dies ab.

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