Rechtsextreme sitzen wieder in den Parlamenten – und spüren erstaunlich wenig Gegenwind. Diese aktuelle politische Situation ist Anlass für das Grips-Theater und den Regisseur und Autor Jochen Strauch, den Roman „Die Welle“ von Todd Strasser auf die Bühne zu bringen. Die Uraufführung ist am 15. Januar 2020 im GRIPS Theater am Hansaplatz.

Dabei verlegt Jochen Strauch das Experiment in eine Berliner Gesamtschule. Aufgeklärte, politisch denkende, verantwortungsvoll und vielfältig lebende Großstadtkids, die überzeugt sind, dass hier und heute eine Diktatur nicht möglich sei, lassen sich von einem harmlos scheinenden Planspiel ihrer Lehrerin mitreißen. Was anfangs noch Spaß machte, weil man endlich mal zusammenhielt, nicht ausgegrenzt wurde, sich ohne Smartphone begegnete und gemeinsam viel erreichte, entwickelt sich zum Alptraum. Auch die Lehrerin lässt sich verführen. Von der Macht, der Bewunderung, dem Erfolg ihres Gedankenansatzes.

Grips Die Welle David Baltzer bildbuehne Bearbeitung holger.markewitz.peters giraffentoastFoto: ©David Baltzer/bildbuehne, Bearbeitung: holger.markewitz.peters/giraffentoast

Einblicke in die Stückentstehung und den Probenalltag gibt Jochen Strauch auf seinem Blog. Er schreibt über das Aufwachsen in der westdeutschen Provinz unter Zeitzeugen des Naziterrors, über die Gespräche mit Schülern der Bertha-von-Suttner-Oberschule und die Proben zum neuen Stück.

Schier atemberaubend ist sein Hinweis via twitter auf einen Artikel in der Frankfurter Zeitung vom 1. November 1929, den die Nachfolgerin FAZ genau 90 Jahre später am 1.11.2019 wieder zugänglich macht. Es geht darin um das Unfassbare: Wer, um Himmels Willen, wählt die Rechtsextremen? Und so manche Formulierung begegnet uns heute in zahlreichen Leitartikeln: „Es sind die Leute, die innerlich so durcheinander gebracht sind, daß sie kritiklos auf jede Hetze reagieren und jeden Schwindel glauben, der ihnen von skrupellosen Spektakelmachern vorgesetzt wird.“ Oder: „Für den Landtag bedeutet der Einzug der Nationalsozialisten eine Vermehrung der Elemente, die sich weigern, überhaupt fair mitzuarbeiten, die die Aufgabe des Landtags nicht fördern, sondern von innen heraus sabotieren wollen.“ Man ersetze im Text die eine frühere rechtsextreme Partei durch die aktuelle, und es wird sehr gruselig.

In Jochen Strauchs Fassung findet das Experiment wie ein Planspiel im Raum zwischen Bühne und Zuschauenden statt. „Es gibt Szenen, die auf der Bühne gespielt, uns Einblick in emotionale Zustände der Figuren vermitteln, Psychogramme und Beziehungen andeuten“, so Jochen Strauch. „Und es gibt die Welt der „Welle“, die uns als Publikum mit einbezieht, uns zum Reflektieren anregt.“

Die Welle

Infos und Termine www.grips-theater.de

 

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