MINT-Bildung im Fokus: Mal wieder bescheinigt eine Studie dem deutschen Schulsystem dürftige Schülerleistungen in den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern. Vor allem vor dem Hintergrund des pandemiebedingten eher mäßig erfolgreichen Fernunterrichts sind das schlechte Nachrichten.

„Nachwuchsbarometer 2020“ nennt sich die Metastudie von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der Körber-Stiftung, und die Befunde müssen Anlass zur Sorge geben.

Sinkende Leistungen, große Risikogruppe

So halten die Autoren fest: Seit dem Jahr 2012 sinken die mathematischen und naturwissenschaftlichen Leistungen der 15-Jährigen kontinuierlich. Rund 20 Prozent dieser Altersgruppe zählen zur Risikogruppe, denn sie sind in Mathematik und Naturwissenschaft nicht auf dem notwendigen Niveau, um erfolgreich ihren Ausbildungsweg in Schule oder Beruf fortzusetzen. In Mathematik gibt es zudem einen erheblichen Unterschied zwischen den Bundesländern: So entspricht der Abstand zwischen den Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse im leistungsstärksten und schwächsten Land einer Lerndifferenz von etwa zwei Schuljahren.

Nachwuchsbarometer 2020 MINT in Grundschule

Die Ursachen dafür, das dürfte besonders auch für Berlin bedeutsam sein, sind nicht allein in der sozialen Unterschiedlichkeit der Familien zu suchen. Schülerleistungen könnten auch durch mehr Verbindlichkeit für Mathematik und Naturwissenschaften in den Lehrplänen sowie durch gezieltes Monitoring erreicht werden.

Besonders schwach ist die Datenlage zu Leistungen der Oberstufenschüler. Harsche Kritik üben die Autoren des Nachwuchsbarometers diesbezüglich an der Bildungspolitik: Da die Minister der 16 Länder sich zurückhielten bei der Genehmigung von Schulleistungsstudien, fehle die empirische Grundlage, um den Bildungsgrad der Abiturienten zu verbessern. Einzelne Studien seit Mitte der 90er Jahre zeigten, „dass zwei Drittel der Abiturientinnen und Abiturienten den Unterrichtsstoff der Oberstufe nicht einmal ansatzweise beherrschten“.

Digitale Analphabeten

Bei der Digitalen Bildung fehlen grundlegende Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien. 33 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in der achten Klasse gelten als leistungsschwach. In der Oberstufe wählt nur ein Prozent der Jugendlichen einen Leistungskurs Informatik. Und nur knapp 14 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten können systematisch nach Informationen im Netz suchen und diese hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit beurteilen.

Lehrerbedarf in MINT steigt

Die Anzahl der Lehramtsstudierenden im MINT-Bereich wächst. So nahmen beispielsweise im Jahr 2018 rund 6.800 junge Erwachsene ein Lehramtsstudium im Fach Mathematik auf – und damit rund 1.400 mehr als noch im Jahr 2015. Allerdings: Von allen Lehramtsstudierenden entschieden sich nur zwei Prozent für das Fach Informatik. Es wird also weiterhin zu wenig Informatiklehrkräfte geben. Auf den steigenden Bedarf an MINT-Lehrerinnen und -Lehrern reagieren viele Schulen mit dem Einsatz fachfremder Lehrkräfte: 10 Prozent der Mathematiklehrkräfte unterrichten in der 9. Klasse an Gymnasien ohne das Fach studiert zu haben, je nach Region fällt diese Zahl noch deutlich höher aus.

Quereinsteiger  machen gute Arbeit

Der Anteil der Lehrer, die zwar ein Fach der Schule studiert aber kein Lehramtsstudium absolviert haben, ist deutschlandweit unterschiedlich. Das Nachwuchsbarometer zitiert den IQB Bildungstrend mit der Aussage: „Die Untersuchung der Leistungen der von Quer- und Seiteneinsteigern unterrichteten Neuntklässler zeigte keinen negativen Effekte“. Dies deute darauf hin, dass die Diskussion über fehlende Qualifikation „überzogen“ sei.

Ein größeres Problem sieht die Studie bei fachfremdem Unterricht. Schüler, die in Mathematik von einem Lehrer unterrichtet werden, der das Fach nicht studiert hat, zeigen laut IQB Bildungstrend 2018 einen Kompetenzunterschied von 16 Punkten gegenüber jenen, die von einem Fachlehrer unterrichtet wurden. Das entspricht einem Leistungsrückstand von einem halben Schuljahr.

Die Empfehlungen

Die Bildungsforscher um den renommierten Wissenschaftler Olaf Köller erwarten nun folgende Impulse: Die individuelle Förderung muss intensiviert werden, digitale Bildung gestärkt und außerschulische Initiativen einbezogen. Lehrerfortbildung ist ein weiterer zentraler Punkt. Zudem müssten langfristig angelegte bundesweite Schulleistungsstudien auf den Weg gebracht werden, um auf dieser Grundlage Unterricht zu verbessern.

Alle Infos zum Nachwuchsbarometer 2020: www.koerber-stiftung.de/mint-nachwuchsbarometer

 

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit (Karl Valentin)

Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, werfen Sie etwas in unseren Hut. Nur mit Ihrer Unterstützung ist es möglich, berlin-familie.de zu betreiben.