Scharfe Ansage: LEA fordert Maßnahmen gegen die „Bildungskrise“

05. Aug 2019

Daniela von Treuenfels
Scharfe Ansage: LEA fordert Maßnahmen gegen die „Bildungskrise“

Paukenschlag zu Schuljahresbeginn: Der Landeselternausschuss macht mit scharfer Kritik an der Senatorin und der Forderung nach einem „Krisengipfel“ eine donnernde Ansage.

„Berlin steckt mitten in einer schulischen Bildungskrise und wir als Landeselternausschuss Schule nehmen nicht wahr, dass hier entschieden genug gegengesteuert wird.“, heißt es in einer Erklärung, die am ersten Tag des Schuljahres verbreitet wurde. Von „Schönreden“ ist die Rede, von „Intransparenz“ und „Bewegungslosigkeit“, die Senatorin habe ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Das Gremium fordert einen „Krisengipfel“, andernfalls solle der Regierende Bürgermeister Michael Müller (ebenfalls SPD) das Thema Schule an sich ziehen.

Die Tonart ist neu, jedenfalls für dieses Vorstandsteam um den Vorsitzenden Norman Heise, der seit fünf Jahren jeweils zu Beginn des Kalenderjahres mit großer Mehrheit in seinem Amt bestätigt wird. Heise ist bisher nicht als Scharfmacher aufgefallen, im Gegenteil: Der Vater zweier Schulkinder gilt als Pragmatiker, der stets betont, sich „konstruktiv“ einmischen zu wollen.

Unter Heise haben es die Eltern geschafft, die Senatsverwaltung zu einem Beteiligungsprozess rund um die drängenden Fragen des Schulbaus und der Schulsanierung zu bewegen. Was die Standards angeht, in der Hauptsache das neue „Lern- und Teamhaus“ – Modell, gibt es weitgehend Einigkeit. Die Kommunikation in diesem Bereich läuft dem Vernehmen nach nahezu unfallfrei.

Umso mehr überrascht der Vorstoß des obersten Elterngremiums, das Erziehungsberechtigte von rund 325.000 Berliner Schülern an den öffentlichen allgemeinbildenden Schulen vertritt. Wer den LEA-Vorsitzenden und die Senatorin bei einer kurzen Begegnung während der Eröffnung der neuen ISS in Mahlsdorf beobachten konnte (die Veröffentlichung der LEA-Erklärung lag wenige Stunden zurück), erlebte eine Senatorin, die sichtlich „not amused“ war. Ganz offenbar gibt es hier Diskussionsbedarf, man darf gespannt sein.

Welche Kritik der LEA im Einzelnen formuliert, lesen Sie hier. Wir veröffentlichen die

Erklärung im Wortlaut:

Neues Schuljahr startet wie altes Schuljahr endet – mit wenig Innovation und gleichbleibend schwieriger Lage – Michael Müller, bitte übernehmen Sie!

Das neue Schuljahr startet aus Sicht des Landeselternausschusses katastrophal - obwohl ausreichend Personal zum neuen Schuljahr eingestellt werden konnte (davon fast 2/3 Quer- und Seiteneinsteigende) und trotz sozialpolitischer Entlastungen für Familien.

Auf der Habenseite der Bildungssenatorin steht momentan nur ein sozialpolitisches Guthaben. Die Entlastung der Familien beim Schülerticket für alle Schüler_innen und beim Schulmittagessen für Schüler_innen an Grundschulen und bei den Hort-Kosten für Schüler_innen der 1. und 2. Klassen sind Maßnahmen, die wir als LEA sehr begrüßen, die aber keinen bzw. kaum Einfluss auf gute und bessere Bildung haben.

Der LEA ist hochgradig unzufrieden mit der Bewegungslosigkeit beim Abschneiden Berlins in den Vergleichsarbeiten, bei der Schulabschluss-Quote und beim Thema Unterrichtsausfall!

Egal zu welchem Zweck z. B. VERA 3 entwickelt wurde, wenn ca. 30% der Schüler_innen die Mindeststandards in der dritten Klasse nicht erfüllen, ist das ein deutliches Alarmsignal. Lesen, Schreiben und Rechnen sind die elementaren Grundtechniken, die im Grundschulalter erlernt werden müssen.

Jeder einzelne Jugendliche oder junge Erwachsene, der die Schule ohne einen Abschluss verlässt, ist einer zu viel. Berlin hat hierbei die höchste Quote im bundesweiten Vergleich. Selbst wenn man die herausrechnet, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Abschluss erreichen können, ist die Quote zu hoch. Auch hier sind weder eine Analyse noch Lösungen und Verbesserungen in Sichtweite.

Unterrichtsausfall ist die Blackbox schlechthin. Hier wurde uns seitens der Politik Aufklärung versprochen. Bis heute haben wir hier nichts gesehen. Das Thema wird in der Bildungsverwaltung nicht verfolgt.

Seit Jahren werden uns in diesen Basis-Bildungskernthemen Verbesserungen angekündigt - ohne dass sie sich in sicht- und messbaren Veränderungen niederschlagen würden. Die Senatorin hat bei diesen Themen für uns ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Die Aussage, dass durch die finanziellen Entlastungen beim Schulessen usw. Bildung nicht mehr vom „Portemonnaie der Eltern“ abhängig sein wird, ist eine Farce im Vergleich zu den Kosten für Nachhilfe, die u.a. genau wegen des nicht erteilten Unterrichts benötigt wird oder gleich für den Wechsel an eine Privatschule!

Dazu kommen Personalentwicklungen innerhalb der Verwaltung, die nur auf Unverständnis beim Landeselternausschuss stoßen! Sichtbar durch den Weggang der ersten Antidiskriminierungsbeauftragten, Saraya Gomis, deren Arbeit nicht nur vom Landeselternausschuss äußerst positiv bewertet wurde.

Schönreden und Intransparenz helfen hier nicht weiter! Kritische Daten werden nur auf parlamentarische Anfragen, die teils mit Nachdruck betrieben werden müssen, veröffentlicht. Warum wird der Öffentlichkeit zum Schuljahresbeginn nicht transparent und visualisiert aufbereitet, wie die Verteilung von Laufbahnbewerbenden und Quereinsteigenden in die Bezirke und die einzelnen Schulformen erfolgt ist? Warum werden keine Daten zum Anmeldeverhalten auf die einzelnen Oberschulen veröffentlicht? Die Begründung, man wolle kein Ranking unter den Schulen befördern, ist aus unserer Sicht fadenscheinig. Unserer Erfahrung nach gibt es dieses Ranking bereits und bestätigt sich jedes Jahr mit leichten Schwankungen aufs Neue.

Berlin steckt mitten in einer schulischen Bildungskrise und wir als Landeselternausschuss Schule nehmen nicht wahr, dass hier entschieden genug gegengesteuert wird.

Schulfrieden vs. eigenverantwortliche Schule vs. Steuerung vs. ausbleibende Qualitätsverbesserungen ist eine offensichtliche Patt-Situation, die wir als Landeselternausschuss Schule nicht länger hinnehmen wollen!

Wir fordern von der Senatorin die Einberufung eines Krisengipfels. An diesen Tisch gehören die Bildungsverwaltung, die Politik, die Hochschulen, die Gewerkschaften, die Lehrerverbände, der Landesausschuss des pädagogischen Personals, der Landesschülerausschuss und der Landeselternausschuss. Hier soll und muss mit allen gemeinsam besprochen werden, was die Ursachen und Lösungen für die Probleme im Bildungsbereich sind. In unseren Einzelgesprächen mit einigen der vorgenannten Gruppen wird immer mit dem symbolischen Finger auf andere gezeigt. Das muss ein Ende haben!

Wir tragen alle gemeinsam die Verantwortung für die Zukunft der Kinder und ihr Menschenrecht auf Bildung!

Sollte die Senatorin unserer Forderung nicht nachkommen wollen, fordern wir den Regierenden Bürgermeister Michael Müller auf diese Aufgabe zu übernehmen. Und als weitere Konsequenz werden wir unsere Zusammenarbeit mit Senatorin Scheeres einstellen und uns andere Wege in der Umsetzung unserer Ziele suchen!

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