Schulabbrecher und Inklusion: Weiterwurschteln ist verboten

07. Feb 2020

Daniela von Treuenfels
Schulabbrecher und Inklusion: Weiterwurschteln ist verboten

Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat angekündigt, die Plätze an den Förderschulen wieder erhöhen zu wollen. Sie wolle damit dem „Elternwillen“ entsprechen. Vor dem Hintergrund der Zauberei mit der Schulabbrecher-Statistik müssen solche netten Gesten hinterfragt werden. Es ist außerdem an der Zeit, Strukturen generell auf den Prüfstand zu stellen.

Es läuft nicht rund beim Thema Schule in Berlin. Lehrermangel, schleppende Schulsanierungen, dreckige Toiletten, die ewige rote Laterne in nationalen Vergleichsstudien. Jede Person, die die Führung der Berliner Bildungsverwaltung übernimmt, hat eine riesige Herausforderung vor der Tür. Und jede Menge Menschen mit Forderungen, Beschwerden, Demonstrationen sowie eine kritische und wenig zimperliche Öffentlichkeit. Es wäre enorm hilfreich, wenn an der Spitze der Schulverwaltung jemand wäre, der Vertrauen genießt. Eine Persönlichkeit mit einer klaren Haltung, erkennbaren Zielen und Durchsetzungskraft.

Sandra Scheeres ist diese Person nicht. Die Sozialdemokratin scheut den Konflikt und redet sich die Welt schöner als sie ist. Eine unvollständige Liste von Beispielen aus den vergangenen 12 Monaten: Sie gibt der Verbeamtungslobby nach – eine Abkehr vom Angestelltenstatus für Lehrkräfte würde die Ungleichheit bei der Bezahlung aber nicht beheben, im Gegenteil. Scheeres folgte dem Willen der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus nach Einführung des kostenlosen Schulessens, obwohl dafür vielfach die räumlichen Voraussetzungen fehlen – die Folge sind teilweise chaotische Zustände beim Mittagessen in den Grundschulen. Die Senatorin verschwieg bei der jährlichen Pressekonferenz zum Schuljahresbeginn sehr hohe Zahlen zu fehlenden Schulplätzen, obwohl diese zu diesem Zeitpunkt bereits hausintern diskutiert wurden. Sie scheut sich bis heute, durch Festsetzung von Höchstgrenzen für eine gleichmäßige Verteilung von quereinsteigenden Lehrkräften zu sorgen – das Nachsehen haben ausgerechnet die sogenannten Brennpunktschulen, die ohnehin Schwierigkeiten haben, qualifiziertes Personal zu finden. Schließlich der Versuch, die Statistik zu den Schulabbrechern in Berlin ein wenig hübscher aussehen zu lassen.

Die Senatorin weigert sich, Verantwortung zu tragen.

Auch die Ankündigung, die Anzahl der Plätze an den Förderschulen wieder hochzufahren, ist abermals der Versuch einer Verschleierung. Die Statistik legt nahe, dass Inklusion in den Sekundarschulen nicht gelingt: in der Hälfte der Schulen steigt der Anteil der Schulabbrecher, wie der Landeselternausschuss enthüllte. Der Anteil der Schüler, die die Grundschulen ohne Förderprognose verlassen, ist zudem deutlich geringer als die Schulabbrecherquote – das bedeutet, die Chancen der Schüler mit Förderbedarf auf einen Schulabschluss sinken im Laufe der Klassen 7 bis 10.

Zu welchen Abschlüssen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allgemeinbildenden Schulen kommen, ist nicht bekannt, weil es darüber keine Statistik gibt – zumindest nicht in Berlin. Interessante Befunde finden sich im Bildungsbericht 2018 . In den Ländern Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen machen Jugendliche in allgemeinbildenden Schulen deutlich häufiger einen Schulabschluss als an Förderschulen. Es gibt aber teils enorme Unterschiede, wie das untenstehende Schaubild zeigt. Schleswig-Holstein ist das Schlusslicht in beiden Schulformen. Mittlere Schulabschlüsse sind an Förderschulen eher die Ausnahme.

Hamburg ist in dieser Statistik deutlich führend: in den allgemeinbildenden Schulen der Hansestadt bleiben im Vergleich der sechs Bundesländer die wenigsten Schüler ohne Abschluss, fast ein Viertel macht sogar Abitur. Wie machen die das? Und wo würde Berlin in so einem Vergleich stehen? Um die Qualität unseres Sekundarschulsystems einschätzen zu können, brauchen wir diese Daten. Sie müssen erhoben und veröffentlicht werden.

Schulaufsicht abschaffen?

Der zweite Punkt betrifft die strukturelle Ebene: Welche Daten liegen vor, wie werden sie interpretiert und was folgt daraus? Es gibt Hinweise darauf, dass die Bildungsverwaltung und die Schulen in diesen Fragen nicht zielführend zusammenarbeiten. Eine Evaluation der zweiten Runde der Berliner Schulinspektion zeigt einen interessanten Befund, dem man nachgehen muss: „Häufig werden die Schulinspektion und zugehörige Prozesse durch die Schulrät*innen positiver bewertet als durch die Schulleitungen“, bilanziert die Studie. Vor allem die Wahrnehmung von Zusammenarbeit mit und Unterstützung durch die Schulaufsicht ist unterschiedlich. Besonders von Schulen mit einem erhöhten Entwicklungsbedarf wird der Support seitens der Schulaufsicht kritisch gesehen. Heißt konkret: nicht wenige Schulleitungen sind unzufrieden und fühlen sich nicht gut beraten.

Was bedeutet das für die Inklusion? Werden Schulen, deren Schulabbrecherzahlen drastisch steigen, ausreichend unterstützt? Die Bildungsverwaltung wirbt damit, dass das datengestützte Indikatorenmodell und die daraus entwickelten Schulverträge die Schulen voranbringen – weil ihre mittlere Ebene das so rückmeldet. Die Evaluation der Schulinspektion ist Anlass, diese Berichte anzuzweifeln. Die Beamtinnen und Beamten der Schulaufsicht brauchen Feedback und müssen sich vermehrt der Evaluation stellen – auch weil sich die Stimmen nach der Abschaffung einer als nutzlos empfundenen Schulaufsicht häufen.

Lasst die Leute machen!

Last but not least: Schule entwickelt sich vor Ort. Mit den Menschen, die sie täglich gestalten. Sie brauchen Freiraum, Rückendeckung und Ressourcen. Und Unterstützung, wenn es um Fragen der Qualität ihres pädagogischen Handelns geht. „Pisa-Papst“ Andreas Schleicher hält eine Idee für erfolgversprechend, die es lohnt diskutiert zu werden. Macht die Lehrer zu einem Teil ihres eigenen Forschungsprojektes! Lasst sie ihren eigenen Fragen nachgehen, und sie haben eine intrinsische Motivation, Wege und Lösungen zu finden. In einer Stadt wie Berlin ließe sich für jede interessierte Schule und jede Forschungsfrage der passende Lehrstuhl für eine wissenschaftliche Begleitung finden.

Um Veränderungen anzustoßen, braucht es etwas Mut, einen kreativen Kopf an der Spitze, politischen Willen. Weiterwurschteln ist ab sofort verboten.

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