Heraus zum 12. Mai!

07. Mai 2022

Daniela von Treuenfels
Heraus zum 12. Mai!

Kommerzielle Interessen lassen das Anliegen des Muttertages verblassen. Als Elterntag könnte die Debatte um Leistungen der Familien neuen Schwung bekommen.

An jedem zweiten Sonntag im Monat Mai ist Muttertag, in diesem Jahr also am 8. Mai. Auch der „Vatertag“ fällt mit einem Feiertag (Christi Himmelfahrt) jedes Jahr auf einen arbeitsfreien Tag. Volkswirtschaftlich gesehen ist es also egal, ob jemand die Zelebrierung von „Anerkennung“ oder „Dankbarkeit“ für Mütter oder Väter wichtig findet oder nicht. Der Rahmen dafür wird komplett ins Private verlagert.

Wie groß ist denn das Bedürfnis der Menschen, die Mutter an ihrem Ehrentag zu feiern? Einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov zufolge ist nur knapp mehr als jeder Dritte (36 Prozent) der Meinung, dass der Muttertag ein „richtiger“ und besonderer Anlass ist und somit aus den richtigen Gründen gefeiert wird. Die Hälfte der deutschen Befragten (51 Prozent) stimmt jedoch der Aussage zu, der Muttertag sei einer der „ Anlässe, die die Leute nicht feiern würden, wenn es nicht den Druck von kommerziellen Organisationen wie Grußkartenfirmen gäbe “.

Die Initiatorin des Muttertags,,Anna Jarvis, wandte sich schon früh – und erfolglos - gegen die Kommerzialisierung. Doch die ökonomische Bedeutung des Feiertages ist bis heute enorm. Floristen erzielen die höchsten Umsätze des Jahres, und auch Hersteller von Pralinen, Parfums oder Haushaltswaren haben ein einträgliches Saisongeschäft.

Eltern haben es bisher nicht geschafft, das Potential des umstrittenen Ehrentages für sich zu nutzen. Stattdessen verkämpft man sich in ideologischen Debatten: Mutterkult, lästige Pflichtübung, überflüssige kommerzielle Veranstaltung, leeres Ritual, Kitsch und Glücksdruck, Sonntagsreden – es gibt eine Reihe von Schlagworten, die eine sinnstiftende Debatte gar nicht erst aufkommen lassen.

Back to the roots

Dabei müsste man nur zurück zum Anfang – da stand nämlich eine gute politische Idee. Anna Jarvis engagierte sich in den USA für Gleichberechtigung und das Frauenwahlrecht. Zur gleichen Zeit gründete ihre Mutter Ann 1858 die Vereinigung „Mother's Work Days“, um gegen hohe Kindersterblichkeit und für bessere sanitäre Anlagen zu kämpfen. Als Ann 1905 stirbt, wirbt die Tochter für die Einführung eines Muttertages, um den Kampf für Frauenrechte und die Rolle von Frauen in der Gesellschaft zu würdigen. Der erste offizielle Muttertag findet am zweiten Maisonntag 1907 statt, dem dritten Todestag von Ann Jarvis.

115 Jahre später sind die gesellschaftlichen Verhältnisse andere, aber die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist noch immer ausbaufähig. Und vor allem Mütter haben, was die (finanzielle) Anerkennung ihrer Lebensleistung angeht, das Nachsehen.

Das zeigt eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der FU Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Frauen können sich demnach, auf das gesamte Erwerbsleben gerechnet, nur etwas mehr als halb so viel Bruttoeinkommen erarbeiten wie Männer.

Dieser sogenannte Gender Lifetime Earnings Gap ist für Mütter noch größer. Die Lücke mit Blick auf die verfügbaren Einkommen und damit den tatsächlichen Lebensstandard schließt sich vor allem dann, wenn Frauen sich innerhalb des traditionellen Familienbilds bewegen. Alleinerziehende müssen gravierende Einbußen hinnehmen.

Das Ausmaß der Unwucht zeigt eindrücklich diese Tabelle:

Einkommen: kinderlose Frauen vs Mütter

Nahezu zeitgleich veröffentlichten der Deutsche Familienverband und der Familienverbund der Katholiken ihre Analyse „Horizontaler Vergleich 2022“, der zeigt wie sich Sozialabgaben auf das frei verfügbare Einkommen von Familien auswirken. Das Ergebnis: Im Vergleich zum Vorjahr habe sich die finanzielle Situation für Familien deutlich verschlechtert: Fehlten einer Familie mit zwei Kindern und einem durchschnittlichen Einkommen 2021 noch 223 Euro ihres Existenzminimums, seien es 2022 insgesamt 2.472 Euro. Die in diesem Jahr zu erwartende Inflationsrate werde das Existenzminimum voraussichtlich sehr stark ansteigen lassen.

„Je mehr Kinder zu versorgen sind, desto weniger Rücksicht nimmt der Staat auf die finanziellen Belastungen der Familien. Das ist sozialpolitisch geradezu paradox“, sagt Klaus Zeh, Präsident des DFV. „Im Steuersystem ist die Belastungsgerechtigkeit hingegen klar geregelt: Wer leistungsfähig ist, zahlt mehr Steuern. Wer weniger leistungsfähig ist, zahlt weniger Steuern – das ist logisch. Das Sozialversicherungssystem nimmt jedoch keine Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit von Eltern. Kinderfreibeträge wie im Steuerrecht gibt es in der gesetzlichen Sozialversicherung nicht. Mit dem Ergebnis, dass es diejenigen bestraft, die durch die Kindererziehung deutlich weniger leistungsfähig sind.“

horizontaler Vergleich 2022

Der Verband unterstützt deswegen Familien, die gegen familienblinde Abgaben in der gesetzlichen Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung klagen und mittlerweile auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts warten. Auf Grundlage vorheriger Urteile des Bundesverfassungsgerichts fordern die Familienverbände einen Kinderfreibetrag in den gesetzlichen Sozialversicherungen für die Dauer der aktiven Familienzeit.

Dieses Wissen – 1.: das Steuersystem benachteiligt Alleinerziehende und Unverheiratete und 2.: kinderreiche Familien haben ein großes Armutsrisiko – ist lange bekannt. Und dies sind nur zwei Baustellen der Familienpolitik. Über bezahlbare Wohnungen, eine familienfreundliche soziale und kulturelle Infrastruktur, gute Kinderbetreuung oder ein hochwertiges Schulsystem hat da noch niemand gesprochen.

Aus Muttertag mach Elterntag

Der Muttertag war eine gute Idee, aber man müsste ihn wieder auf robuste Füße stellen, mit einem klaren politischen Anliegen: Familien zu stärken und sie wieder als das zu sehen was sie sind – die kleinsten und empfindlichsten Gemeinschaften der Gesellschaft und zugleich die wichtigsten. Hier wird Zukunft gemacht.

Also zurück auf Anfang: Der erste Muttertag war zwar an einem zweiten Maisonntag, er hatte aber auch ein Datum: den 12. Mai 1907. Nehmen wir doch diesen Tag für einen jährlichen Elternkampftag. Keine Sonntagsreden mehr, sondern ein Tag, der die Gesellschaft etwas kostet und sie daran erinnert, dass Generationen einen Vertrag geschlossen haben. Wird der brüchig, riskieren wir den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Einen „Father’s Day“ wie in den USA, der die Rolle der männlichen Erziehenden würdigt, gibt es hierzulande nicht. Unser „Vatertag“ ist Teil des christlichen Brauchtums, und damit als Tag für Debatten um ein modernes Familienbild nicht zu gebrauchen. Geschiedene Eltern, Regenbogenfamilien – an Tagen, die nicht kirchliche Feiertage sind, lässt sich darüber sicher entspannter diskutieren.

Erziehung ist Teamarbeit. Deswegen macht es Sinn, an einem „Elterntag“ alle anzusprechen, die Verantwortung für Kinder übernehmen. Das sind in erster Linie Mütter und Väter, aber eben nicht nur. Dazu gehören Großeltern und andere nahestehende Verwandte, oder auch Freunde der Familie. Alle, die für Kinder eine Bezugs- und Vertrauensperson sind und bereit, junge Menschen über einen langen Zeitraum zu begleiten. Elternschaft ist kein Privileg für leibliche Mütter und Väter.

Aus Blumenverkaufsaktion mach Kampftag

Es war erschütternd zu sehen, wie wenig Familien in Zeiten der Pandemie gehört wurden und wie viel auf den Rücken der Kinder und Eltern abgeladen wurde. Ein wenig ermutigend war, dass die Sorgen, die Wut, die Ohnmacht und die Verzweiflung von Müttern und Vätern über die mangelnde Unterstützung, das schlechte (weil analoge) Bildungssystem und die als selbstverständlich angesehene Doppelbelastung ein gewisses Medienecho hervorriefen. Doch der Drive ist verpufft, den ausgelaugten Carearbeitern kann man es nicht verdenken.

Mit einem Elterntag am 12. Mai (man wird ja mal träumen dürfen) ließe sich der Ball wieder aufnehmen. Einmal im Jahr in Ruhe und Ausführlichkeit darüber sprechen, welche Gesellschaft wir uns wünschen und welche Rolle Familien darin spielen sollen – das wäre ein starkes Zeichen.

Quellen / Leseempfehlungen

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten-1/zum-100-jahrestag-die-muttertagsmaschinerie-1538819-p3.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Muttertag

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/wer-gewinnt-wer-verliert-all-1

https://www.deutscher-familienverband.de/horizontaler-vergleich-2022-deutliche-verschlechterung-der-einkommenssituation-von-familien/

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