Statistiken zu Schulabbrechern rufen Eltern auf den Plan

05. Feb 2020

Daniela von Treuenfels
Statistiken zu Schulabbrechern rufen Eltern auf den Plan

Der Landeselternausschuss ist in Sorge: 10 Jahre nach der Schulstrukturreform, also der Zusammenlegung der Haupt- und der Realschulen, verzeichnen die Hälfte der Sekundarschulen steigende Schulabbrecherzahlen.

Eine eigens erstellte Analyse der Zahlen zu den Schulabschlüssen jeder einzelnen Berliner Sekundarschule beunruhigt die Eltern so sehr, dass sie jetzt eine Arbeitsgruppe „SoS – SchülerInnen ohne Schulabschluss" ins Leben gerufen haben. Treibende Kraft ist Daniela von Hoerschelmann, sie ist Vorsitzende des Bezirkselternausschusses Neukölln und Mitglied des LEA-Vorstandes. Wir haben mit ihr gesprochen.

Frau von Hoerschelmann, Sie haben sich das Thema Schulabbrecher auf die Fahnen geschrieben. Wie kam es dazu?

Wir waren im November mit Interessierten aus dem LEA und dem Landesschulbeirat bei Bernd Gabbei von der Bildungsverwaltung zu Gast, der uns Eltern und Lehrern das sogenannte Indikatorenmodell erklärt hat. Im Prinzip sind das Daten aus der Bildungsstatistik, die Schulen zusammen mit ihren eigenen Auswertungen zur eigenen Analyse verwenden können.
Das ist wirklich interessant, weil sich damit eine Reihe von Erkenntnissen ableiten lassen. Ich habe mir daraufhin einmal die Schulabschlüsse der Sekundarschulen in Neukölln angesehen.

Die haben Sie einfach so gefunden?

Nein, solche Vergleiche gibt es leider nicht, und schon gar nicht in einer Zeitreihe. Ich habe mir über die Schulportraits der einzelnen Schulen die Zahlen zusammengesucht. Da gibt es große Unterschiede und verschiedene Entwicklungen. Weil das so interessant war, habe ich mir die anderen Bezirke dann auch gleich angesehen.

Mit welchem Ergebnis?

Die Unterschiede zwischen den Bezirken sind groß, aber das ist eigentlich keine Überraschung. Was schon eher hervorsticht ist die Tatsache, dass man aus den Zahlen Rückschlüsse auf die frühere Schulform ziehen kann. Ehemalige Hauptschulen tun sich in der Regel schwerer mit erfolgreichen Abschlüssen und entlassen auch deutlich weniger Schüler in die gymnasiale Oberstufe als ehemalige Gesamtschulen. Ehemalige Realschulen liegen weiterhin im Mittelfeld.
Was mich aber am meisten erschüttert hat, ist die hohe Zahl der Schulen, bei denen die Abbrecherzahlen tendenziell steigen. Bei rund der Hälfte der Sekundarschulen ist das der Fall. An 14 Standorten verlassen mehr als 30 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Und es gibt Schulen, in denen sich die Quoten verdoppelt und verdreifacht haben. In einem Fall haben wir sogar einen Sprung von 7 auf 31 Prozent. Dem muss man nachgehen.

Senatorin Sandra Scheeres spricht aber von sinkenden Zahlen.

Ich fand das auch irritierend und habe deshalb mit der Bildungsverwaltung Kontakt aufgenommen. Dort hat man mir erklärt, dass die Zahlen aus dem Schulportrait vom ISQ 1 erhoben werden, die Verwaltung jedoch anders rechne. Es gibt mehrere unterschiedliche Statistiken, bei gleicher Schülerschaft, das ist verwirrend und wenig transparent.

Ist die Strukturreform gescheitert?

Im Grundsatz nicht. Alle bisherigen Reformen hatten eine gute Ausgangsidee. Außer vielleicht die Abschaffung der Vorschule. Die Ideen stammen immer von Best-Practice-Beispielen, allerdings lassen sich gute Konzepte nicht einfach auf ganz Berlin überhelfen.
Ich selbst war auf der Fritz-Karsen-Schule, von der Vorschule bis zur 10. Klasse, danach habe ich an einem OSZ Abitur gemacht. Die Idee des längeren gemeinsamen Lernens finde ich klasse, aber dieses Modell ist dort über Jahrzehnte gewachsen. Gute Modelle lassen sich nicht einfach kopieren.
Mir fehlt die Einsicht, dass man auch Nachsteuern muss. Das habe ich allerdings bei keiner Reform in ausreichendem Maße gesehen. Meist war die Ausstattung hinterher schlechter als vorher und dann kann es nicht funktionieren. Dort wo es nicht so gut läuft, muss Unterstützung her, mehr Ressourcen. Wir sollten Schulen unterschiedlich behandeln, angepasst an ihre individuellen Probleme und Ausgangslagen.

Die Senatorin hat jetzt angekündigt, die Zahl der Förderschulplätze wieder aufzustocken. Auch, um dem Wunsch der Eltern nachzukommen.

Ach was. Eltern haben die Wahl zwischen funktionierenden Förderschulen und einer scheiternden Inklusion in den Regelschulen, die in aller Regel Sekundarschulen sind. Das ist keine Wahl, sondern eine Entscheidung im Sinne des Kindeswohls. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass es durchaus Schulen gibt, bei denen die Inklusion gelingt. Wenn das Kind auf die richtige Schule trifft, klappt Inklusion hervorragend. Aber hier gilt meine Einschätzung zu Reformen ebenso.

Der Landeselternausschuss will jetzt über Lösungen diskutieren.

Ja, ich habe, gemeinsam mit meiner Vorstandkollegin Cornelia Partmann, eine Arbeitsgruppe angeregt, die kurzfristig zusammentrifft. Eingeladen sind Eltern, Schulleitungen und Menschen aus der Schulsozialarbeit. Wir wollen darüber sprechen, wie sich Elternarbeit verstärken lässt und was man voneinander lernen kann. Vernetzung ist besonders wichtig. Wir brauchen viel mehr Austausch und Möglichkeiten, Erfahrungen und Wissen zu teilen.

Lesen Sie auch unseren Artikel "Schüler ohne Abschluss - Trickserei mit der Statistik"

"Weiterwurschteln ist verboten" - der Kommentar

Die Arbeitsgruppe „SoS Schüler ohne Schulabschluss“

ist offen für Mitstreiter. Interessierte wenden sich per Mail an Daniela Hoerschelmann: LEA-BEA@exportiv.de

1 Das Institut für Schulqualität Berlin-Brandenburg

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