Coronavirus: Lernen mit der Politik zu leben

23. Apr 2021

Daniela von Treuenfels
Coronavirus: Lernen mit der Politik zu leben

Die Eindämmung der Pandemie ist nicht (mehr) das Ziel der Politik. Was das Prinzip Eigenverantwortung für Familien und ihre Kinder in Bildungseinrichtungen bedeutet.

„So, das war’s“, sagte Herr K. „Falls etwas sein sollte, nach Ostern bin ich im Urlaub.“
Die Patientin erbleichte. Ihr Zahnarzt würde doch nicht…?!
„Kanarische Inseln. Meine Frau freut sich schon sehr.“
… ?
„Ach was.“ Herr K. lehnte sich entspannt zurück. „“Ich weiß ja, wie ich mich schützen kann.“

Herr K. hat mit der literarischen Figur des Herrn Keuner von Bertolt Brecht nichts gemein. Er ist nett, humorvoll, empathisch – und es gibt ihn tatsächlich. Herr K. praktiziert in einer Gemeinschaftspraxis in Charlottenburg.
Normalerweise hat Herr K. nicht die zweifelhafte Angewohnheit, sich mit Sätzen zu verabschieden, die Tage- oder Wochenlang nachwirken. Diese Entspanntheit! In diesem Beruf! In diesen Zeiten! Ab in die Sonne, sorgenfrei und Spaß dabei.

Herr K. vertraut sowohl in seiner Praxis als auch auf seinen Urlaubsreisen (es ist nicht die erste in dieser Pandemie) allein auf die üblichen Hygienemaßnahmen: Abstand halten, Hygiene (Hände desinfizieren) und (FFP3-)Maske tragen. Im Behandlungszimmer gibt es keinen Luftfilter, die Patienten müssen sich vor ihrem Termin nicht selbst testen.

Zahnärzte kommen dem „Wohnort“ des Coronavirus so nah wie kam eine andere Berufsgruppe. Und weil im Rachen ihrer Patienten auch anderes Ungemach lauert, gehört das Wissen um die Risiken quasi zu ihrer DNA. Wer ihm vor der Coronapandemie zur Begrüßung die Hand entgegenstreckte, spürte beim Dentisten K. ein deutliches Unbehagen – oder erlebte eine geschickte Vermeidungsgeste.

Maske, Abstand, Hygiene –das klingt doch einfach. Wo diese Regeln eingehalten werden, gibt es ein eher geringes Infektionsgeschehen. Wo sie missachtet werden oder nicht eingehalten werden können, steigt die Ansteckungsgefahr. Diese Lektion haben wir im Corona-Grundkurs im ersten Lockdown gelernt. Unsere Regierung hat sich mit Experten beraten, alles dichtgemacht, und die Bazooka hat dafür gesorgt, dass die Folgen nicht allzu schmerzhaft waren. Der Erfolg: die Infektionszahlen sanken so schnell wie sie zuvor gestiegen waren, es wurde ein leichter Sommer.

In diesem leichten Sommer warnte bereits der Virologe Christian Drosten vor dem nahen Herbst und der kommenden kalten Jahreszeit. Die Zahlen würden steigen, sagte er mit Blick auf den gerade stattfindenden argentinischen Winter, dort waren die Infektionen trotz hartem Lockdown nicht in den Griff zu kriegen. Wenn die Leute sich erst einmal vorwiegend drinnen aufhalten würden, so Drosten, ließe sich ein steigendes Infektionsgeschehen nur schwer kontrollieren.

Es sollte nicht die letzte Mahnung sein, die ein Wissenschaftler aussprach, ohne dass dies entsprechende politische Reaktionen ausgelöst hätte. Der Grund dafür liegt in der Aussicht auf den rettenden Impfstoff. Als im Herbst die Zahlen stiegen, begannen die politischen Entscheider mit einem kaum nachvollziehbaren Schlingerkurs, der im November zunächst in einen „leichten“ und vor Weihnachten in einen „harten“ Lockdown mündete.

Gleichzeitig erhielten die ersten Impfstoffe ihre Zulassung, am 9. Dezember wurde in Großbritannien die erste Patientin mit einem Vakzin immunisiert. Das Ziel der Eindämmung der Pandemie war da schon längst Geschichte, der eindrücklichste Beleg dafür ist die Festlegung der Impfreihenfolge nach Altersgruppen.

Die Ältesten zuerst, diese Strategie rettet Leben. Zur Eindämmung des Infektionsgeschehens taugt dieses Vorgehen jedoch nichts. Nachdem die besonders Gefährdeten in den Heimen und die von Pflegediensten betreuten Senioren durchgeimpft waren, hätte sich eine Neuausrichtung angeboten. Weiter mit denen, die viele Kontakte haben und bei ihrer beruflichen Tätigkeit nicht den notwendigen Abstand einhalten können: medizinisches Personal, Polizeibeamte, Pädagogen in der Kleinkindbetreuung. Danach alle anderen pädagogischen und therapeutischen Bereiche, Mitarbeiter in Einzelhandel, Gastronomie, Körperpflege… und so weiter. Weil die Politik einer schwierigen Diskussion aus dem Weg gegangen ist, gibt es nach wie vor Spreading-Events unter den Berufstätigen.

Welche Berufe am meisten betroffen sind, ist nicht bekannt. Das RKI erhebt dazu keine Daten.

Dass es wenige Gruppen oder Einzelpersonen sind, die das Virus verbreiten, dafür spricht das sogenannte Pareto-Prinzip, das auf den italienischen Ökonomen und Soziologen Vilfredo Pareto zurückgeht. Der Pareto-Effekt, auch 80-zu-20-Regel genannt, besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % des Gesamtaufwandes erreicht werden. Dieses Prinzip findet vor allem in der Wirtschaft Beachtung, wenn es darum geht, Arbeitsabläufe effizient zu gestalten.

Die Formel bringt aber auch verblüffende Erkenntnisse beim Blick auf größere Zusammenhänge: 20 % der Weltbevölkerung besitzen 80 % des Weltvermögens. 20 % der Autofahrer verursachen 80 % aller Unfälle. 20 % der Kunden bringen 80 % des Umsatzes. 80 % der Kalorien stammen von 20 % der Lebensmittel. 80 % der Stadtbewohner eines Landes leben in 20 Prozent aller Städte des Landes. Mit 20 % der Spielsachen spielt ein Kind über 80 % der Zeit. Und so weiter.

Der Stuttgarter Mathematiker Christian Hesse hält das Pareto-Prinzip für anwendbar auf die derzeitige Pandemie: 20 Prozent der Infizierten sorgen für 80 Prozent der Neuinfektionen. Der Zeitung Die Welt sagte er: "Selbst wenn sich die große Mehrheit der Menschen vorbildlich verhält in dem Sinne, wie es von den Verordnungen vorgesehen ist, also Kontaktvermeidung und so weiter, dann bedeutet das nicht, dass der Anstieg der Fallzahlen gebremst und letztendlich umgekehrt wird, weil die Welle richtet sich nicht nach der Mehrheit der Bevölkerung.“

Brückenlockdown, Wellenbrechershutdown, Notbremse - wie auch immer das nächste Maßnahmenpaket der Regierung heißen mag: Es kommt auf jeden Einzelnen an, und deshalb werden alle Pläne scheitern. Eine Suche nach deutschsprachigen News zu „Corona Party“ ergibt eine beachtliche Liste von Meldungen aus dem ganzen Land. Gleichzeitig sieht die Polizei nahezu tatenlos zu, wenn sogenannte Querdenker zu Tausenden auf den Schutz anderer pfeifen. Diese Minderheit von 20 Prozent sind ein echtes Problem – und in einem freien Land, das nicht zu einem Polizeistaat mutieren soll, nicht zu bändigen.

Was also tun?

Was bedeutet das für uns, konkret für Familien und ihre Kinder in Kitas und Schulen?

Regeln einhalten.

Machen Sie es wie Herr K.

Selbsttests

Stäbchen rein, In der Lösung rühren, 15 Minuten warten, fertig. Kinderleicht.

Raus gehen.

Die Ansteckung draußen ist viel geringer als in Innenräumen. Wenn Ihnen jemand verbietet, Ihr Ferienhaus in der Uckermark zu nutzen, klagen Sie. Wenn Sie gerne nachts spazieren gehen, tun Sie das. Man muss nicht jeden Schwachsinn mitmachen.

Gegen das Alleinsein

Tun Sie sich zusammen mit Menschen, die so vorsichtig sind wie Sie selbst. Kleine Gemeinschaften können sich Kinderbetreuung, Unterstützung beim Fernunterricht oder Einkäufe teilen. Kontaktminimierung um jeden Preis ist nicht gesund.

Schule

Die Präsenzpflicht ist aufgehoben, die Kinder müssen also nicht in die Schule gehen.
„Schule ist sicher“, das ist Wunschdenken. Denn kein Ort ist sicher, Ansteckungen sind überall möglich. Auch Herr K. wird sich in seinen ehrlichen Momenten eingestehen, dass er bisher einfach Glück gehabt hat. Es sind auch schon Zahnärzte an Corona gestorben.
Die Frage ist also: Wie ist das Risiko einzuschätzen? Wenn Sie mich fragen: keine Ahnung. In eine Abwägung würde ich auch mein Kind einbeziehen. Ist die psychische Belastung durch die Kontaktbeschränkungen zu groß oder das schulisch angeleitete Lernen zu schlecht, wäre ein Schulbesuch eher angezeigt. Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die ihre Mitschüler und Lehrer wenig bis gar nicht vermissen.
Das ist der Rahmen:

  •  Das Infektionsgeschehen in der Schule folgt dem in der Gesamtbevölkerung.
  •  Derzeit steigen die Inzidenzen bei Kindern von 5 bis 14 Jahre überdurchschnittlich.
  •  Kinder erkranken häufiger.
  •  Schule ist ein Ort, an dem auf die Einhaltung von Regeln geachtet wird.
  •  Es gibt, wie in anderen Zusammenhängen auch, infizierte Personen. Vereinzelte Ansteckungen sind wahrscheinlich. Ausbrüche kommen vor, sind aber die Ausnahme. Die Durchführung von Selbsttests soll dazu beitragen, Cluster zu erkennen.

Heute ist der 23. April 2021.
Die Infektionszahlen stagnieren auf hohem Niveau, ein Trend ist nicht erkennbar. Der Bundestag hat die „Notbremse“ beschlossen. Für Wissenschaftler kommt sie zu spät. Die FDP hat Verfassungsklage angekündigt. Es könnte also sein, dass Maßnahmen, die von Experten als halbherzig kritisiert werden, bald wieder kassiert sind.

Selber denken hat noch nie geschadet. Kommen Sie gut durch die hoffentlich letzte Welle dieser Pandemie. Einige Bundesländer, auch Berlin, haben die Priorisierung für AstraZeneca aufgehoben. Lassen Sie sich impfen.

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