Neues Schuljahr in Ecuador: Kaum Schule, keine Zukunft

02. Sep 2021

von Benita Schauer
Neues Schuljahr in Ecuador: Kaum Schule, keine Zukunft

Nirgendwo auf der Welt sind während der Pandemie mehr Schultage ausgefallen als in Ecuador. Trotz hoher Impfquoten ist an Schulunterricht bisher nicht zu denken. Die Folgen für die Kinder sind dramatisch, die Ärmsten trifft es besonders hart.

„Wir beginnen mit dem Unterricht im September 100% digital; sobald wie möglich wollen wir diejenigen Schüler, die keinen Zugang zum Internet haben, in die Schule holen. Aber solange wir hier kein fließendes Wasser haben, gibt uns das Ministerium nicht die Erlaubnis“, erzählt der Lehrer einer unweit der Stadt Portoviejo gelegenen staatlichen Schule mit rund 900 Kindern. „Wir haben schon ein Waschbecken am Eingang installiert, jetzt müssen wir noch die Beschilderung planen, dann können wir die Genehmigung des Ministeriums zur Öffnung beantragen“, erklärt der Leiter einer kleinen Grundschule in den Bergen bei Quito. Zum Ende der Sommerferien in Ecuador schauen Lehrer und Eltern dem Schulbeginn mit Hoffnung und Skepsis entgegen.

Während in Europa das Schuljahr trotz zum Teil steigender Inzidenzen vergleichsweise normal begonnen hat, sind weite Teile Lateinamerikas und der Karibik von der Rückkehr zur schulischen Normalität noch weit entfernt. Seit im März 2020 alle Schulen des Kontinents (mit Ausnahme Nicaraguas) geschlossen wurden, gab es zwar in einzelnen Ländern vorsichtige Versuche, unter strengen Auflagen wieder Präsenzunterricht zuzulassen. Im Durchschnitt jedoch versäumte ein Kind auf diesem Kontinent bis zum 30. Juni 2021 insgesamt 154 Schultage – mehr als in jeder anderen Weltregion.

Fast fünfzig Prozent sind doppelt geimpft, aber die meisten Schulen öffnen nicht

Seitdem hat sich das Bild differenziert. Während das kleine Uruguay mit einer Impfquote von 72,% seine Schulen schnell wieder öffnete, ist in Peru (24%) und Venezuela (21,7%) bisher kein Datum für eine Rückkehr der Schulkinder in Sicht. In Ecuador hat die Ende Mai angetretene Regierung von Guillermo Lasso offiziell die Rückkehr zur Präsenzschule als Ziel bekanntgegeben und jenen Schulen, die bereits über ein genehmigtes Hygienekonzept verfügten, die Öffnung mit bis zu 30% ihrer Schülerzahl gestattet. Mittlerweile haben im Landesdurchschnitt fünfzig Prozent der Bevölkerung beide Impfungen gegen COVID erhalten; in der Hauptstadt Quito und der sie umgebenden Provinz Pichincha sind es fast achtzig Prozent.

Tatsächlich hat jedoch zum 1. September, wenn im Hochland und im Amazonasgebiet das neue Schuljahr beginnt, nur rund ein Fünftel aller Schulen im Land eine Genehmigung zur Öffnung beantragt und erhalten. Bei vielen dieser Schulen handelt es sich um Zwergschulen in entlegenen ländlichen Gegenden, mit sehr geringen Schülerzahlen. So werden deshalb nur wenig mehr als 200.000 von rund viereinhalb Millionen ecuadorianischen Schulkindern ab September tatsächlich wieder Unterricht in einem Klassenraum haben. Kindergärten und Vorschulen bleiben weiterhin geschlossen.

Die Angst vor einer Ansteckung von Kindern ist übergroß

Dass die Rückkehr zur Präsenzschule in fast ganz Lateinamerika so schleppend vorangeht, liegt an mehreren Faktoren. Die hiesigen Eliten, denen die Regierungsmitglieder in der Regel angehören, konnten mit Homeoffice und Homeschooling gut leben: Ihre Kinder gehen auf gut ausgestattete Privatschulen, die zu Beginn der Pandemie schnell auf zuverlässigen, modernen und akademisch durchaus anspruchsvollen Online-Unterricht umstellten. Dass beispielsweise in Ecuador rund die Hälfte aller Kinder anderthalb Jahre lang überhaupt keinen Zugang zu digitalem Unterricht hatte, und die große Mehrheit der übrigen mehr schlecht als recht per WhatsApp betreut wurde, spielte in der Beurteilung der Krise durch die Eliten kaum eine Rolle. Viele dieser Familien sehen bis heute keinerlei Grund, weshalb ihre Kinder jemals wieder physisch eine Schule betreten sollten.

Dazu kommt, dass lateinamerikanische Eltern ihre Kinder, wenn die ökonomischen Verhältnisse dies erlauben, sehr behütet erziehen. Die Angst davor, dass dem Kind etwas geschehen könne, ist insbesondere in der Mittel- und Oberschicht unendlich. So halten sich hartnäckig auch in gebildeten Kreisen Gerüchte, denen zufolge neben den älteren Menschen besonders die Kinder durch Corona gefährdet und regelmäßig auf den Intensivstationen zu finden seien. Dass die Sterblichkeit in Ecuador inzwischen auf einem niedrigerem Niveau als dem vor Beginn der Pandemie angekommen ist, wird von den Medien kaum kommuniziert.

Zahlreiche bürokratische Hürden verhindern Präsenzunterricht

Am Ende aber ist es vor allem die staatliche Bürokratie, die dazu führt, dass Millionen von Kindern in Lateinamerika der Aufstieg durch Bildung verwehrt bleiben wird: „Nächstes Jahr im Februar werden meine Kinder vielleicht wieder in die Schule gehen, hat uns die Schulleitung gestern gesagt“, berichtet Amalia, eine Mutter von zwei Kindern. Jede einzelne der 3.000 privaten und 14.000 staatlichen Schulen im Land muss einen Antrag auf Wiederöffnung stellen; jede dieser Schulen wird von Mitarbeitern des Schulministeriums persönlich geprüft; jedes Kind, das wieder in seine Schule möchte, muss dies einzeln beim Ministerium beantragen. Jede Schule ist verpflichtet, parallel zum Präsenzunterricht eine virtuelle Variante anzubieten, solange sich nicht 90% der Eltern für eine Rückkehr ausgesprochen haben – so bestätigte es die ecuadorianische Schulministerin Maria Brown unlängst in einem Interview.

Das überfordert nicht nur die schlecht ausgestatteten staatlichen Institutionen: „Es ist ganz schön heftig mit dem hybriden Unterricht, denn da habe ich immer gleichzeitig 12 Kinder online und sechs Kinder präsent, und es ist eben Schule, und da passieren Sachen: Ein Kind ist hingefallen und bricht sich den Arm, ein anderes muss sich übergeben, und da müssen die, die zu Hause an den Bildschirmen sitzen, eben warten“, erzählt die Lehrerin einer privaten Grundschule.

Eine Generation verliert die Hoffnung auf Aufstieg durch Bildung

Hunger und Gewalt haben im vergangenen Jahr in den ärmeren Haushalten Ecuadors messbar zugenommen. In den vielen kleinen Küstenorten, wo es jetzt erstmal seit über einem Jahr wieder ein wenig Tourismus gibt, müssen die Eltern dringend arbeiten gehen, um überhaupt wieder Geld ins Haus zu bringen – dann passt die Neunjährige auf den vierjährigen Bruder auf, während die Mutter am Strand Eis verkauft. Es wird gefürchtet, dass bis zu 25% dieser Kinder nicht wieder in das Schulsystem zurückkehren werden.

Das Kinderhilfswerk UNICEF fordert seit rund einem Jahr eine kontrollierte, aber zügige Öffnung der Schulen: „Wir können nicht warten, bis die Infektionsrate bei Null ist….Wir können nicht warten, bis alle Lehrer und Schüler geimpft sind…Wenn wir die Schulen geschlossen halten, nehmen wir unseren Kindern ihre Zukunft.”

31. August 2021

Benita Schauer lebt derzeit mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Quito, der Hauptstadt von Ecuador.

In ihrem Blog schreibt Benita über Alltag, Kunst und Kultur „in diesem niemals langweiligen Land“.

Als Mitglied der gemeinnützigen Damas Alemanas sammelt sie Spenden für die Ärmsten, die in einem sozial tief gespalteten Land wie Ecuador besonders unter den Folgen der Pandemie leiden.

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