Sommerbäder: Dreiklassensystem an der Schwimmbadkasse

29. Apr 2022

Daniela von Treuenfels
Sommerbäder: Dreiklassensystem an der Schwimmbadkasse

Das neue Online-Ticketsystem der Bäderbetriebe für die Sommerbäder ist kinder- und familienfeindlich. Ein Kommentar.

Die gute Nachricht zuerst: die Bäderbetriebe entwickeln ihr Online-Ticketsystem weiter: Wer im Netz eine Eintrittskarte für eines der öffentlichen Freibäder kauft, spart sich das Anstehen an der Kasse. Wer an heißen Tagen, womöglich mit kleinen Kindern, schon einmal schwitzend an einem Schwimmbadeingang verbracht hat, weiß diesen Service sicher zu schätzen. Die neue Welt erlaubt es, das Smartphone zu zücken und reinzurauschen. Zack und drin. Super.

Der Kunde ist König, wird sich so mancher denken, geht doch – endlich. Doch hinter der Top Neuheit steht ein Dreiklassensystem. Über dem König gibt’s nur die Überirdischen. Im neuen Ticketsystem sind die Göttinnen die mit den Jahreskarten. Diese höhergestellten Wesen dürfen immer ins Bad, ein Online-Ticket brauchen sie nicht. Und sie dürfen auch noch kommen, wenn die Ampel, die den Zugang für die Könige steuert, bereits dunkelrot zeigt.

Das Tolle ist: König und natürlich Königin darf jeder und jede sein. Wenn die Sonne scheint und du hast Lust auf das Strandbad Wannsee, dann wirfst du einen königlichen Blick auf die Ticket-Seite der Bäderbetriebe, klickst dich durch zum Strandbad und dir werden Tickets für die nächsten 4 Tage angezeigt. Bei der Buchung kannst du dann zwei Prinzessinnen oder Prinzen unter 5 Jahre kostenlos dazubuchen.

Schatten über dem Königreich gibt es dann, wenn es mächtig heiß ist, und alle Könige die gleiche Idee haben: Nüscht wie raus nach Wannsee! Dann heißt es schnell sein, denn wenn online alle Karten verkauft sind, gibt es auch an der Tageskasse keine Tickets mehr. Wer mag, kann dann auf andere Freibäder ausweichen, wenn es da noch freie Kapazitäten gibt. Auf diese Weise die Berliner Freibäderlandschaft kennenzulernen, kann ja auch ganz nett sein. Oder die Königin steigt ins Auto und fährt an einen der Seen im Umland.

Dann gibt es noch die anderen. Fußvolk, Plebs, Bauern – manche nennen sie auch: Kinder. Mit ihren Ferienpässen hätten sie in den Schulferien theoretisch jeden Tag freien Eintritt in ein öffentliches Bad. Vom Online-Ticketverkauf der Bäderbetriebe sind sie aber ausgeschlossen. Das Fußvolk, um es mal positiv zu formulieren, hat die besten Aussichten auf einen Freibadbesuch bei so mittelgutem Wetter. Ein bisschen grauer Himmel und ein wenig ungemütlich, das ist perfektes Bauernwetter.

An sonnigen warmen Sommerferienbadetagen müssen sie draußen bleiben, weil die Könige wahrscheinlich schon alle Karten weggekauft haben.

Kinder sind oft auf das Bad in der Nähe ihres Wohnortes angewiesen. Manche sind zu jung, um weitere Strecken in eine andere Badeanstalt auszuweichen. Eltern mit kleineren Kindern macht man es auch leichter, wenn die Wege zum Freibad so kurz wie möglich sind.

Das Nachsehen haben vor allem Kinder, die aus den verschiedensten Gründen nicht in den Ferien verreisen und ihren Urlaub in der Stadt verbringen. Oft sind hierunter Kinder aus Familien mit knappen Budgets. Viele von ihnen gehen nur in den Ferien ins Schwimmbad, weil sie sich den normalen Eintritt, auch den ermäßigten, nicht leisten können. Es versteht sich von selbst, dass kein Auto vor der Türe steht, mit dem man mal eben ins Brandenburgische gurken könnte.

Ältere Kinder werden das durchschauen. Jugendliche werden mal wieder merken, dass sie Menschen dritter Klasse sind. Obwohl sie doch schon ein Ticket haben (sic!), müssen sie sich hinten anstellen, wenn es um die Sonnenplätze in der Freibadsaison geht. Der gleichberechtigte Zugang zu Einlasskarten wäre das Mindeste, was man ihnen bieten müsste.

Nach zwei Jahren Pandemie mit großen Entbehrungen, Bewegungsmangel und ausgefallenem Schwimmunterricht wäre es sogar angezeigt, die Jungen gezielt zu bevorzugen. Statt Beschränkungen wären Kontingente angesagt: Kinder zuerst – wenn die Ferienpassinhaber ihre Plätze nicht ausschöpfen, dürfen alle anderen zugreifen.

Die Bäderbetriebe müssen hier dringend nachsteuern. Denkbar wäre beispielsweise eine Art Registrierung für Inhaber von Ferien- und Familienpässen. Mit ihrem persönlichen Code könnten die Kinder und Eltern dann online ein kostenloses bzw vergünstigtes Ticket erwerben. Auf diese Weise könnte man auch der Sorge vor Missbrauch begegnen: Wer wiederholt ein kostenloses Ticket bucht und es nicht einlöst, fliegt raus.

Die technische Umsetzung kann nicht allzu schwierig sein, und bis zum Beginn der Ferien ist genug Zeit für die Umsetzung. Schade, dass die Verantwortlichen auf diese Idee bisher nicht selbst gekommen sind. Diese Denkfaulheit ist Ausdruck einer strukturellen Kinder- und Familienfeindlichkeit in diesem Land. Landeseigene Unternehmen wie die Bäderbetriebe sollten es als ihre Verpflichtung ansehen, diesem gesellschaftlichen Missstand entgegenzuwirken.

Kinder zu Königen machen, das sollte doch das Mindeste sein.

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